"Die Frage ist, ob es Parteien geben muss"

2. April 2005, 13:54
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Der Philosoph Konrad Paul Liessmann im STANDARD-Interview: "Die Ideologie unserer Tage ist eben die Ideologielosigkeit"

STANDARD: Haider schließt die Rechten aus seiner Partei aus, Alfred Gusenbauer verhandelt mit der Kirche, die Grünen entdecken alte bürgerliche Werte: Ist das die Praxis des oft besprochenen Endes der Ideologien?

Liessmann: Ich glaube, dass keine politische Situation ohne Ideologie auskommt. Die Ideologie unserer Tage ist eben die Ideologielosigkeit. Gerade diese scheinbare Beliebigkeit, die sich in den Parteien bemerkbar macht, spiegelt den Verlust traditioneller ideologischer Schemata, die ursprünglich an bestimmte soziale und ökonomische Situationen geknüpft waren. Etwa: Die Sozialdemokratie als Arbeiterpartei, die Christlichsozialen als Partei der Bauern, der kleinen Gewerbetreibenden und des Handels, die Nationalliberalen mit einer entsprechenden nationalistischen ideologischen Ausrichtung. Das funktioniert so nicht mehr. Andrerseits bedarf es eines ideologischen Überbaus, weil sonst die Idee der Partei an sich fragwürdig wird.

STANDARD: Was bleibt noch von der Politik, wenn die Ideologien verschwinden?

Liessmann: Man kann natürlich sagen, wir brauchen keine Parteien, es genügen Interessensvertretungen. Es genügt ein interessengebundener Lobbyismus, wie er in demokratischen Herrschaftsformen wie etwa in Brüssel ohnehin praktiziert wird.

STANDARD: Sehen Sie eine Entwicklung in diese Richtung?

Liessmann: In bestimmten Maßen. Die Zunahme von Lobbyismus als Strategie zur Durchsetzung politischer Interessen ist offensichtlich. Eine Lobby zu bilden war vor zehn Jahren noch ein Schimpfwort, heute ist es ein ehrenwertes Geschäft. Bis zu einem gewissen Grad ist das ein Fortschritt – Interessen als solche zu artikulieren und gar nicht mehr anders zu tun. Der Witz der politischen Ideologien war ja, dass partikulare Interessen ausgegeben worden sind als gut für das Gemeinwohl. Jetzt sagt man, nein, das sind wirklich nur die Interessen der Aktionäre, Manager, Heimatverbundenen. Natürlich haben andere davon Nachteile: Die Fremden, Nichtaktionäre, Arbeitnehmer. Also, auf der einen Seite eine Zunahme von Ehrlichkeit. Auf der anderen aber wird der Begriff des Politischen infrage gestellt, der an die Idee des Interessensausgleichs geknüpft war – zur Konstruktion und Verwaltung des Gemeinwohles.

STANDARD: War der Zerfall des kommunistischen Blocks eine historische Zäsur, die diese Entwicklung begünstigt hat?

Liessmann: Es war eine historische Zäsur und hat sicher diese Entwicklung beschleunigt, weil der Kommunismus die letzte Großideologie war, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine gewisse Attraktivität aufzuweisen hatte. Es hätte ja keine neue Linke gegeben ohne dieses Faszinationspotenzial. In dem Moment, wo das zusammenkracht, verschwindet auch der geschichtsphilosophische Horizont, dass man an einer besseren Zukunft arbeiten kann.

STANDARD: Zeigen sich solche Zäsuren auch im Kleinen?

Liessmann: Natürlich. Genau in dieser Beliebigkeit der Parteien etwa, die zur Folge hat, dass das Individuelle immer wichtiger wird: Wer agiert wo wie? Deshalb fasziniert uns das persönliche Hickhack: Haider gegen Mölzer, Gusenbauer gegen Häupl, Schüssel gegen momentan niemanden, aber wehe, er verliert eine Wahl. Es ist sozusagen das Satyrspiel zum Individualismus im Neoliberalismus.

STANDARD: Was ist eine politische Partei heute eigentlich?

Liessmann: Die Frage stellt sich in dem Maß, in dem man fragen muss: Was ist heute ein Gemeinwesen, das von politischen Parteien repräsentativ verwaltet werden soll? Was ist heute noch ein Staat, wo alle froh sind, dass sich der Staat überall zurückzieht? Wo auf europäischer Ebene der Staat ein undurchsichtiges Konglomerat darstellt, in dem politische Parteien im Grunde keine Rolle spielen? Man könnt die These formulieren: Politische Parteien sind Restbestände des 19. Jahrhunderts.

STANDARD: Was folgt nach?

Liessmann: Die Frage ist, ob es unter Bedingungen, die manche als Neofeudalismus auf höchstem technischen Niveau beschreiben, politische Parteien überhaupt noch geben muss. Oder ob es nicht genügt, dass man auf der einen Seite Interessensvertretungen hat und auf der anderen die unter der Staatsebene angesiedelten, international agierenden Machtkonzentrationen wie Konzerne oder NGOs. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.3.2005)

Die jüngsten Auseinandersetzungen in der FPÖ sind auch eine Folge der wachsenden Entideologisierung der Politik, meint der Philosoph KonradPaul Liessmann im Gespräch mit Samo Kobenter.

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  • Zur PersonKonrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Uni Wien. Der Essayist und Kulturpublizist leitet seit 1996 das "Philosophicum Lech".
    foto: standard/cremer

    Zur Person

    Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Uni Wien. Der Essayist und Kulturpublizist leitet seit 1996 das "Philosophicum Lech".

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