Der Zauberberg von Tirol

1. April 2005, 15:36
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Kühtai, das sympathische Skigebiet auf über 2000 Metern, will jetzt den Sommer erobern

"Hausstaubmilben werden Sie bei uns keine finden", erklärt Dr. Bernhard Wedekind, "zur Fortpflanzung reicht ihnen der Sauerstoff nicht." Schon ab 1850 Metern geht den Milben beim Sex die Luft aus, und der Tiroler Skiort Kühtai liegt auf stattlichen 2020 Metern. Dass sich die Höhe bei Menschen nicht gleich auswirkt, widerlegt der junge Bergdoktor mit einem Schmunzeln - schließlich ist er gerade Vater geworden. Wir keuchen aber trotzdem schon bei einem kleinen Spaziergang durch den Ort. Was ganz normal ist, zwei bis vier Tage braucht der Körper, sich an die Höhe zu gewöhnen, dann aber, ab zwei Wochen, so wollen neueste wissenschaftliche Ergebnisse der Universität Innsbruck belegen (www.sbg.at/eda/ihs/ amas.html), setzt eine intensive Regenerationsphase ein, die vor allem unsere Zivilisationskrankheiten besänftigen, und eine Verbesserung des Sauerstofftransports durch die roten Blutkörperchen auslösen soll. Selbst, wenn man solchen Höhenforschungsergebnissen skeptisch gegenüber steht: Erholsam wirkt der kleine Ort (zwölf Einwohner, sonst nur Gäste), der so malerisch von sanften Skipisten und imposanten 3000ern umrahmt ist, schon. Man geht vor die Tür, schnallt die Skier an, und los geht's. Oder man liegt auf der Sonnenterrasse - und fährt passiv Ski.

Habsburger Charme

Dabei ist Kühtai kein schöner Ort im klassischen Sinn - kaum historische Bausubstanz, nur Hotels, wobei das älteste Haus der Platzes, das Jagdschloss Kühtai, durchaus Geschichte und Stil vorzuweisen hat. Der Urenkel Kaiser Franz Josefs, Karl Graf zu Stolberg-Stolberg, hat das Haus, das 1280 zum ersten Mal erwähnt wurde und den Habsburgern lange als Jagdschloss diente, 1952 zum Hotel umgebaut und den alten Charme belassen. Die Zirbenholzzimmer sind knorrig und ursprünglich. Sein Sohn, Christian Graf zu Stolberg-Stolberg, der das Haus vor zwei Jahren übernahm, belässt das auch so. Bis auf den Fernseher, der jetzt auf jedem Zimmer steht. Sein Vater war viel strenger: "Meine Gäste können lesen und schreiben", pflegte er zu sagen, wollte ein Gast fernsehen.

Das Erstaunliche im Kühtai, wie man sagt, ist, dass man auf den ersten Blick gar nicht merkt, wie hoch es liegt. Eine halbe Autostunde von Innsbruck entfernt auf einer bequemen Straße nicht sonderlich steil aufwärts, und schon ist man in der Winteridylle, die viel entlegener wirkt, als sie eigentlich ist. Der "Tiroler Zauberberg", der nicht nur bei Atemwegserkrankungen und Allergien ein heilsamer Ort sein soll, ist für Anfänger gut geeignetes und auch von Tourengehern geschätztes Skigebiet. 33 Pisten, 37 Pistenkilometer, vier Sesselbahnen, sieben Schlepplifte und ein Wunderteppich - das macht 16.000 Skihungrige, die pro Stunde transportiert werden. Dabei hatte in den 40er-Jahren der zuständige Minister noch völlig überzeugt gemeint, Kühtai eigne sich nicht als Wintersportort und hat von einem Ausbau abgeraten.

Tunesische Animation

"Es ist einfach, bei uns Skifahren zu lernen", erklärt Atü, einer der rund 60 Skilehrer des Ortes. Die Hügel sind sanft, nur die Kinder fahren wild. "Ich lass sie erst mal Schuss fahren, dann hatten sie ihre Action, und sind auch neugierig, was zu lernen", sagt Atü, der aus Tunesien kommt, und nicht müde wird, seinen Schülerinnen und Schülern zu erzählen, wie sehr er die Berge liebt, obwohl er sie in Tunesien nur vom Hörensagen kannte. In Österreich ist Kühtai nach wie vor erstaunlich unbekannt - der Graf, der länger in Hamburg gelebt hat, bringt viele Stammgäste aus Norddeutschland.

Was einem am Kühtai und den umgebenden Orten, wie Gries, wo man Schneeschuh gehen kann und dann im urigen Alpengasthof Praxmer sein Bio-Rindssteak bekommt, sofort auffällt, ist eine gewisse Bescheidenheit: Nein, wir wollen eigentlich nicht expandieren. Das hört man nicht oft in Tourismusgebieten. Was man allerdings doch beleben möchte, ist die Sommersaison. Heuer erstmals wird ein Gratis-Bergwanderprogramm angeboten und Dr. Wedekind macht einmal wöchentlich für Gäste, die mindestens fünf Tage bleiben, eine sportmedizinische Untersuchung. Als Sommerfrischeort hat Kühtai im Moment noch das Problem, dass viele Hotels geschlossen sind und es rund zehn Grad kühler als in Innsbruck ist. Aber hat es nicht auch geheißen, Kühtai sei für den Wintersport ungeeignet? (DER STANDARD, Printausgabe vom 26./27./28.3.2005)


Von
Karin Cerny

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  • Zum Hotel Jagdschloss gehört auch die Jagdschlosskapelle
    foto: tiscover

    Zum Hotel Jagdschloss gehört auch die Jagdschlosskapelle

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