"Wir verhungern unter unserem Fett"

1. April 2005, 16:16
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Einfach weniger zu essen hat auch Tücken - Eine neue Ess-Philosophie soll Mängel hintanhalten

Die Sache ist komplizierter, meint Meinrad Lindschinger. Denn "FDH" - also "friss die Hälfte"- kann, warnt der steirische Stoffwechsel- und Ernährungsexperte, nach hinten losgehen.

Schließlich, erklärt der Internist, hätten sich Ernährungsgewohnheiten ebenso wie Herstellung, Anbau und Verarbeitung dessen, was wir essen, von dem, was der Körper tatsächlich braucht, längst entfernt: "Wir verhungern unter unserem Fett."

Denn - unabhängig von der Kalorienmenge - mangle es den meisten Lebens- und Nahrungsmitteln an Vitaminen, Ballast- oder Mineralstoffen. Darüber hinaus habe die Individualisierung der Lebensabläufe zu einer massiven Verschiebung der Bedürfnisse des Organismus geführt, aber "alle kochen überall gleich - das führt zu chronischer Fehlernährung."

Schlichte Kalorienreduktion bringt wenig

Dass da eine schlichte Kalorienreduktion wenig bringt, erläutert der Internist am Beispiel einer "durchschnittlichen Frau Mitte 30 in einem Bürojob": Ein Reduktion auf die empfohlene Tagesdosis von 1600 Kalorien (Herr und Frau Österreicher nehmen täglich durchschnittlich etwa das Doppelte zu sich) reduziere auch die Vitamin- und Mineralstoffanteile - und die zur Bekämpfung von freien Radikalen wichtigen Stoffe: "Ohne Beratung ist es da unmöglich, langfristig keine Mangelerscheinungen zu entwickeln."

Hier mit "Functional Food" - künstlich angereicherten Lebensmitteln - zu "antworten" lehnt Lindschinger ab: "Ich kann nicht in jedes Lebensmittel alle 21 essenziellen Nährstoffe künstlich hineingeben." Noch dazu, wo man "bei einem bewussten Umgang mit vorhanden Lebensmitteln" durchaus ohne Zusätze über die Runden kommen könne.

Neue Lehre "Functional Eating" nennt Lindschinger das von ihm dazu entwickelte Konzept: Auf der einen Seite hat er die "klassische" Lebensmittelpyramide nach Nähr- und anderen Werten durchforstet - auf der anderen den nach Lebenssituationen definierten Bedarf an dem, was der Körper braucht, ermittelt. Die Ergebnisse gruppierte der Arzt zu "Säulen" (Balanced, Beauty, Power, Soul, Brain, New und Erotic - wobei Letztere "ein bisserl plakativ ist") und bat den Haubenkoch Gerhard Berktold um passende Kochpläne.

Eine dogmatische "Heilslehre" soll "Functional Eating" aber nicht sein: "Auch wenn man sich nicht an die Säulen hält, landet man immer bei nachhaltiger Ernährung." Letztendlich gelte es meist, Ess-Bewusstsein überhaupt erst zu schaffen: "Die Ergebnisse der Pisa-Studie sind Gold - wenn man sie mit dem vergleicht, was die Leute über Essen wissen." (rott, DER STANDARD - Printausgabe, 25. März 2005)

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Lindschinger

Buchtipp
Meinrad Lindschinger/
Gerhard Berktold
"Raffiniert kombiniert -
Functional Eating"
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