Knieweiche Familiengymnastik mit Elfriede Jelinek

21. März 2005, 20:16
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"Ein Sportstück" macht in den Tiroler Kammerspielen noch keine Kraftkammer

In den Kammerspielen zeigte das Tiroler Landestheater am Vorabend des Palmsonntag eine wenig kräftige, wenngleich affirmative Sicht auf Elfriede Jelinek. Einen Kontrapunkt zu Einar Schleef zu setzen lag nahe: Churchill-Anhänger Thomas Oliver Niehaus lässt, wie um dem Pickerl "Olympiastadt" zu trotzen, einen Gutteil des Sportstücks im Sitzen geschehen. Er hat gekürzt und gönnt zur Halbzeit eine Pause. "Pure Vernunft darf niemals siegen" läutet sie ein. 1998 ist lang her, Frau Welt, die alte Turnerin, hat nicht stillgestanden. Neue Kriege, Siege detto, "Arnie" Gouverneur, auch Weibliches durften wir in gewaltig amoralischen Leibesübungen kennen lernen. Noch was: Nobelpreis. Die Aufzeichnung der "Im Abseits"-Rede von Elfriede Jelinek wird im Innsbrucker Sportstück angespielt, vom Band, wie Adam Greens: "Hard to be a girl". Das ist tatsächlich hart. Neben Feuilleton-Pop hat's Dreivierteltakt, und so findet das bisschen Nichtstillstand im Schunkeln und Wippen statt. Im Gehen wird Text memoriert. Den größten Einsatz - bis auf je einmal beherzten Liegestützanfall und hysterische Aufwärmtrippelei - stellen Runden im Rollstuhl dar. Darin die Autorin. Die Leistung des Abends bringt die königliche Eleonore Bürcher: "Bindung" (Ski-, nicht Mutter-Sohn-) und "Burschen" spricht sie stimmhaft wie "Beaujolais", und dass ihr die Hände gebunden sind, weil sie in Turnschuhen stecken, ist stimmige Ausstattung.

Wie überhaupt: Mapplethorpes Schwarzenegger hängt umblinkt wie ein Hauptgewinn, für später halten Helfried Lauckner und Bettina Munzer eine Wand bereit, aus der gestanzt wird. Geschlechterschablonen bleiben. Nicht Mann und Frau, sondern Männchen und Mädchen. "Papi?" Womit das Unbehagliche winkt, "das Autobiografische", das gar so sehr auf die Bühne gebeten wird, das "Stück von ihr", Jelinek, welche vom Sportstück die "Tragödie einer lächerlichen Frau" behauptet hat.

Ein Grenzgang in einer Inszenierung, die so viel abwirft vom Massen-, vom nicht nur Tarn- und Tagesthema Sport. Selber schuld: "Machen Sie, was Sie wollen", lautet doch der zweite Satz in "Ein Sportstück", zugeschoben der Autorin. Am Schluss greift das Publikum ein: Durch anhaltenden Applaus kommt Bewegung auf die Bühne: Laufen, Beugen, Laufen. Geht doch! (pen/DER STANDARD, Printausgabe, 22.03.2005)

Landestheater Tirol
1. 4., 19 Uhr
  • Eine Pietà mit Sportsgeist: Birgit Melcher bringt in Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" den Sohn (Bernhard Wolff) als Medaillenopfer dar.
    foto: rubert larl/ landestheater innsbruck

    Eine Pietà mit Sportsgeist: Birgit Melcher bringt in Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" den Sohn (Bernhard Wolff) als Medaillenopfer dar.

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