Bücherrundschau: Märchen - blutig, Havanna - heiß, Dichter - tanzend

25. März 2005, 12:08
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David Schickers "Fette Klunker", Leonardo Paduras "Labyrinth der Masken", Banana Yoshimotos "Eidechse" und Julian Schuttings Essay "Tanzende"

MÄRCHEN, BLUTIG Wenn Quentin Tarantino einen Schelmenroman à la "Pulp Fiction" geschrieben hätte, würde der Fette Klunker (Deutsch von Hans-Joachim Hartstein, € 18,-, Blessing) heißen. Die Klunker sind natürlich Diamanten, und hinter denen ist eine Menge abgebrühter Schläger her. Einer von ihnen, Henry Dante, schnappt sich den Koffer mit den Glitzerdingern, schaltet seine Kumpels aus und flüchtet. Er wird von der religiösen, aber entschlossenen und sexbesessenen Landkuh Grace aufgegabelt und nicht mehr losgelassen. Zu zweit begibt man sich auf die Reise, und wenn Grace die moralische Krise kriegt, weil Henry gar so böse ist, verschenkt sie die Edelsteine an dahergelaufene Loser. Ein märchenhaftes, ziemlich blutiges Roadmovie mit erheblichem, auch durchaus rührseligem Unterhaltungswert von David Schicker.

HAVANNA, HEISS Nachdenklicher denn je bewegt sich der Polizist Mario Conde in der schwülen Hitze Havannas und versucht, den Mord an einem Transvestiten aufzuklären. Der dritte Teil des Havanna-Quartetts von Leonardo Padura lässt sich melancholisch an. Es geht dem kubanischen Autor um geschichtliche und gesellschaftliche Zusammenhänge, und er beleuchtet in Labyrinth der Masken (Deutsch von Hans-Joachim Hartstein, € 20,40, Unionsverlag) die Frage, wie denn die sozialistische Revolution mit ihren Außenseitern umgegangen ist. Zu denen gehören nicht nur Dichter, sondern auch Homosexuelle, die erbittert bekämpft und denunziert werden. Conde revidiert Vorurteile, schwelgt in Erinnerungen und löst den Fall. Die allzu bundesdeutsch-schnoddrige Übersetzung beeinträchtigt leider den Lesegenuss.

JAPAN, POETISCH Banana Yoshimoto, einst Teenie-Star der japanischen Literatur, schildert in sechs Erzählungen Menschen in prekären psychischen Situationen (Eidechse, Deutsch von Anita Brockmann und Annelie Ortmanns, € 18,90, Diogenes). Während einer Bahnfahrt verwandelt sich ein Sandler in eine schöne Geisterfrau und stellt das tägliche Einerlei des Erzählers infrage. Junge Frauen, die die Absicht haben zu heiraten, konfrontieren sich mit ihren Hoffnungen und Ängsten und entdecken dabei dunkle Familiengeheimnisse. Ein Mädchen versucht, sich von seinen Eltern abzunabeln und bleibt ihnen doch unentrinnbar verbunden. Die poetischen Geschichten sind lakonisch erzählt und von einer unbestimmbaren Traurigkeit durchweht. Sie handeln, wie Yoshimoto sagt, von "Zeit", "Trost", "Bestimmung und Schicksal".

DICHTER, TANZEND Auch für hartgesottene Nichttänzer ist Julian Schuttings Essay Tanzende (€ 12,-, Droschl) eine hinreißend charmante Lektüre. Autobiografisches verbindet sich hier mit kulturhistorischen Anmerkungen. Der Autor konnte wegen einer Störung des Gleichgewichtssinns in seiner Jugend nicht tanzen lernen. Als er Jahrzehnte später eine Beziehung zu einer ehemaligen Ballettmeisterin eingeht, entschließt sich das Paar, die Gesellschaftstänze gemeinsam zu erlernen und Schutting stürzt sich mit großem Eifer in diese neue und obsessive Erfahrung, die, wie er überzeugend darlegt, ja viel mehr bedeutet als bloß die Beherrschung einer Technik. Er erweist sich dabei wieder einmal als witziger wie auch warmherziger Beobachter, dem übrigens der Wiener Opernball als "ordinärster aller Bälle" erscheint. (i.s., Der Standard, Printausgabe, 19./20. 3. 2005)

  • Artikelbild
    foto: buchcover/diogenes
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