Disneys Vogerl

9. Mai 2005, 14:25
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Eric Frey über den Personalwechsel an der Spitze des Unterhaltungsriesen

Für einen Disney-Kinohit wäre dies kaum das passende Finale: Ein mächtiger und arroganter Studioboss, der über die Jahre alle Angriffe auf seine Person überlebt hat, übergibt überraschend das Szepter an seinen weitaus bescheideneren Stellvertreter und zieht dann leise davon.

Tatsächlich wollen es so manche Disney-Aktionäre noch nicht glauben, dass die Ära von Michael Eisner nach 21 Jahren wirklich zu Ende geht. Sie vermuten, dass der legendäre Manager, der dafür berüchtigt war, auch kleine Entscheidungen im Konzern an sich zu reißen, seinem loyalen Nachfolger Robert Iger weiterhin ins Handwerk pfuschen wird.

Die Tatsache, dass Eisner immer noch an der Spitze von Disney steht und die Amtsübergabe nach eigenem Gutdünken regeln konnte, beweist die ungeheure Macht, die amerikanische Chief Executive Officers auch in der Post-Enron-Ära besitzen.

Noch vor einem Jahr forderte fast die Hälfte der Aktionäre, darunter Walt Disneys Neffe Roy, seinen Rücktritt. Aber nachdem sich die Gewinne erholten, ließ der Druck auf Eisner wieder nach. Er konnte die Suche nach einem Nachfolger dezent steuern - etwa, indem er an allen Bewerbungsinterviews teilnahm.

Der umgängliche Iger hat sich trotz seiner Loyalität zu Eisner wenig Feinde gemacht. Aber er übernimmt ein unsicheres Erbe. Die Partnerschaft mit Pixar, der Disney die größten Kassenschlager der letzten Jahre verdanken kann, läuft bald aus, weil Eisner sich mit Pixar-Chef Steven Jobs überworfen hat.

Auch der Fernsehsender ABC kann trotz jüngster Quotenerfolge leicht wieder in die Verlustzone rutschen. Die Zeit, in der Medienriesen wie Disney den Film- und TV-Markt dominieren konnten, scheint vorbei zu sein. Der größte Firmenwert ist die Kreativität der Mitarbeiter, und die ist bekanntlich ein Vogerl. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.03.2005)

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