Die Antwort kennt nur der Wind

30. Dezember 2005, 12:26
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Der samstägliche Auftakt von "25peaces", einer Veranstaltungsreihe im öffentlichen Raum zum Gedankenjahr 2005, ließ viele Passanten ratlos zurück

Wien - Die Bombardements der Alliierten auf Wien hatten bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 8769 Todesopfer gefordert. 3000 Bombentrichter wurden gezählt, doppelt so viele Häuser völlig zerstört, 13.000 weitere schwer. Rund 270.000 Menschen mussten, da ihre Wohnungen "ausgebombt" waren, in Notquartieren untergebracht werden.

Diesen "Terror" an drei Plätzen zu visualisieren, ohne in eine Hollywood-B-Movie-Ästhetik zu verfallen, hatte sich das Team von 25peaces - Bundestheaterholdingchef Georg Springer, ORF-Stratege Wolfgang Lorenz und Projektleiter Eberhard Schrempf - für den Abend des 12. März, 60 Jahre nach dem schwersten Bombardement durch die US-Forces, vorgenommen: Schon in den Tagen zuvor wurde ein Folder zu den Installationen verteilt - samt einem Plan der Innenstadt, auf dem die einst zerstörten Gebäude ausgespart sind ("weiße Flecke").

Als "Kommunikationsprojekt" scheiterte die Aktion im öffentlichen Raum dennoch: Weil die Passanten nicht verstanden oder verstehen konnten, was sie sahen. Und weil niemand wusste, dass die Installationen als Loops mit einer Laufzeit zwischen sieben und elf Minuten angelegt waren, folglich eine Dramaturgie hatten: An keinem der Schauplätze gab es Tafeln mit Erklärungen; die kleine Schrift der Prospekte ließ ein Studium in der Dunkelheit nicht zu.

Die Häuser am Stephansplatz zum Beispiel waren bloß rot angestrahlt. Unabhängig davon wurde aus dem Erzbischöflichen Palais auf einer Vidiwall die Lesung von Irene Harands Buch Sein Kampf - Antwort an Hitler mit knapp 100 Vortragenden (darunter Hans Rauscher, André Heller, Peter Kreisky, Joachim Bißmeier, Elisabeth Orth, Franz Küberl, Peter Turrini und Elfriede Gerstl) übertragen. Wer nicht verharrte und lauschte, bekam daher gar nicht mit, dass es hin und wieder zu "Explosionen" kam: Flutlichtbatterien erstrahlten den Platz taghell. Zudem war der zweite Teil, Projektionen zerstörter Häuser, zu weit weg. Denn bei der Generalprobe am Freitagabend hatte das Team feststellen müssen, dass Hans Holleins Haas-Haus mit seinen schwarzen Fensterlöchern als Fläche für die geworfenen Fotografien wenig taugte.

Wand aus Wasser

Äußere Umstände führten auch am Albertina-Platz zu wenig befriedigenden Ergebnissen: Eigentlich hätte sich immer wieder eine Wand aus Wasser aufbauen sollen, auf die man den ehemaligen Philipphof 1:1 projizieren wollte. Doch der Wind (in Wien wohl keine unbekannte Größe) ließ das Spektakel nur selten - und wenn, dann fragmentarisch - zu. Auch gab es, obwohl die Straßenbeleuchtung abgeschaltet worden war, zu viel Restlicht: Zehn Laserkanonen strahlten zwar bis zur Wolkendecke, doch die zahlenreichen schlanken Spots waren nicht auszumachen. Dass hier eine Kubatur nachgestellt werden sollte: Dies war nur den wenigsten offensichtlich.

Die Installation am Neuen Markt hingegen glückte Norbert Chmel (Lichtdesign) und Andreas Fabianek (Toncollage): An drei Hausfassaden regnete es zu bedrohlichen Flugzeuggeräuschen und Funkgesprächsfetzen Bomben herab - symbolisiert durch Vornamen von Opfern und Zahlen. Luftaufnahmen bildeten den Ausgangspunkt, zum Schluss waren die Bilder der Gebäude zur Gänze überlagert von den abstrakten Schriftkolonnen.

Die wohl prägnanteste Installation ist bis 8. Mai am Heldenplatz zu sehen: Die beiden Reiterdenkmäler sind eingemauert; und auf dem Balkon der Neuen Burg, auf dem sich Hitler im März 1938 bejubeln ließ, gedenkt - anstatt der ursprünglich geplanten Kreuze - ein riesiger Grabstein "der Opfer des Nationalsozialismus". (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2005)

  • Die Installation am Neuen Markt von Norbert Chmel und Andreas Fabianek: An drei Hausfassaden regnete es zu bedrohlichen Flugzeuggeräuschen Bomben herab - symbolisiert durch Vornamen von Opfern und Zahlenkolonnen.
    foto: standard/christian fischer

    Die Installation am Neuen Markt von Norbert Chmel und Andreas Fabianek: An drei Hausfassaden regnete es zu bedrohlichen Flugzeuggeräuschen Bomben herab - symbolisiert durch Vornamen von Opfern und Zahlenkolonnen.

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