Die neuen Gastarbeiter sprechen Sächsisch

21. März 2005, 15:39
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Ostdeutsche drängen auf den heimischen Arbeitsmarkt - Die Bauwirtschaft, der Tourismus und unternehmensnahe Dienstleistungen sind die Zielbranchen

Wien - In den Tourismusorten Westösterreichs gehören sie fast schon zum gewohnten Bild: Ostdeutsche, die hier zu Lande einem Job nachgehen und sei es nur für ein, zwei Saisonen. Als EU-Bürger brauchen sie keine besonderen Genehmigungen, das Sprachproblem entfällt fast völlig.

Aus den traditionellen Gastarbeiter-Herkunftsländern oder -regionen wie Türkei und Exjugoslawien werden offiziell keine Zuwächse an Arbeitskräften mehr verzeichnet. Die neuen Gastarbeiter kommen aus dem krisengeschüttelten Osten Deutschlands. Mancherorts liegt dort die Arbeitslosigkeit bei bis zu 30 Prozent.

Ossi-Boom

Wobei der "Ossi-Boom" offenbar erst jetzt so richtig losgeht. Zwischen September 2001 und September 2004 stieg die Zahl der aus Deutschland stammenden Beschäftigten laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger um rund 17.000. Doch allein im Jänner dieses Jahres kamen zusätzlich rund 9000 Deutsche nach Österreich, um hier zu arbeiten.

Beschäftigt sind sie vorrangig in der Bauwirtschaft, im Tourismus und bei Anbietern unternehmensbezogener Dienstleistungen. Die Statistik unterscheidet nicht nach alten und neuen deutschen Bundesländern, doch "wir vermuten stark, dass es Ostdeutsche sind", sagt Wirtschaftsforscher Ewald Walterskirchen.

Ein Drittel der Jobs

9000 Deutsche im Jänner - das erklärt aktuell rund ein Drittel des gesamten Beschäftigungsanstieges. Weitere 5500 ausländische Arbeitskräfte stammen grosso modo aus Osteuropa. Das inländische Arbeitskräfteangebot wächst aus demografischen Gründen sowie infolge der Pensionsreform, sagt Walterskirchen.

Angesichts des Ansturms aus Ostdeutschland rät der Fachmann, die siebenjährigen Arbeitsmarkt-Übergangsfristen mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten im Osten "voll auszuschöpfen".

Vermischung der Arbeitsmärkte

Auch Wifo-Arbeitsmarktexpertin Hedwig Lutz glaubt, dass der derzeitige Trend zur "Vermischung der Arbeitsmärkte" längerfristig anhalten wird und sich noch verstärken könnte. Lutz zum STANDARD: "Der österreichische Arbeitsmarkt wird für Deutsche immer interessanter. Das geht bis zu jungen und hoch qualifizierten, aber arbeitslosen Forschern. Damit ist auch der bestehende Bedarf in Österreich leichter zu decken."

Ob es durch die neuen Gastarbeiter aus Ostdeutschland zu Verdrängungsphänomenen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt kommt, ist umstritten wie eh und je. Lutz: "Das wäre eine eigene Studie wert. Auf jeden Fall steigt der Druck auf die Löhne." (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.03.2005)

  • Dem deutschen Gast wird's schmecken. Im österreichischen Tourismus finden immer mehr Ostdeutsche Arbeit.
    foto: der standard/rudolf semotan

    Dem deutschen Gast wird's schmecken. Im österreichischen Tourismus finden immer mehr Ostdeutsche Arbeit.

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