Bloß keine Zersiedelung

17. März 2005, 12:12
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Architekt Charles Correa besucht Wien: In Indien machte er die Erfahrung, dass Architektur die Fähigkeit zugesprochen wird, die Gesellschaft zu ändern

Wien - Charles Correa ist einer der wenigen, wenn nicht der einzige Architekt des modernen Indiens, dessen Arbeiten im Westen bekannt sind. Auf Initiative des Architekten Carl Pruscha wurde er in dieser Woche in die Österreichische Kurie für Wissenschaft und Kunst aufgenommen.

Er habe in Indien die fantastische Erfahrung gemacht, dass der Architektur die Fähigkeit zugesprochen wird, die Gesellschaft zu ändern, so Correa im Gespräch mit dem STANDARD. Prägende Erfahrungen seien für ihn die Bauten von Le Corbusier gewesen, der in Chandigarh ab 1950 eine neue Regierungshauptstadt für den indischen Bundesstaat Pandschab errichtete. Von ihm habe er gelernt, dass ein Architekt immer mehr erreichen müsse, als den Auftraggeber zufrieden zu stellen.

Was seine Aufgaben als Mitglied der Kurie sein könnten, wurde von Carl Pruscha angesprochen. Pruscha zeigte sich entsetzt, dass ein gewichtiger Teil der österreichischen Hilfe für die Tsunami-Opfer in Form von kleinen Not-Häusern verbaut werde, die jeder Erfahrung mit der Architektur dieser Region zuwider liefen. Möglicherweise könnte Correa Aufklärungsarbeit über die klimatischen und kulturellen Erfordernisse leisten.

Correa, der 1930 geboren wurde, ließ keinen Zweifel daran, dass die Zersiedelung eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen Architekturentwicklung sei.

"Jeder Platz in einer historischen Stadt, ob in Indien oder Europa, funktioniert wie eine Maschine. Die Form ist der Bauplan, nach dem die angrenzenden Häuser als Einzelteile entwickelt werden können, ganz gleich ob traditionell oder zeitgenössisch."

Durch die Zersiedelung aber gäbe es nur noch Einzelteile, aber keinen Bauplan mehr. Speziell in den Wohnbauten sei das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft gespeichert, so Charles Correa weiter. Ein Verlust wäre unersetzbar. (oel/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.03.2005)

  • Charles Correa, Mitglied der Kurie für Wissenschaft und Kunst.
    foto: heeresbild- und filmstelle (hbf/hartl)

    Charles Correa, Mitglied der Kurie für Wissenschaft und Kunst.

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