Gedankenjahr als "Ausblendungsprozess"

11. März 2005, 19:34
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Skeptisch bis "unangenehm berührt" steht die Wiener Zeithistorikerin Brigitte Bailer-Galanda den heimischen Gedankenjahr-Aktivitäten gegenüber

Wien - Das Radiokulturhaus, Sonntag am Morgen: Schon vor der Aufzeichnung der STANDARD/Ö1-Reihe Zeitgenossen im Gespräch wird Brigitte Bailer-Galanda mit Publikumsfragen konfrontiert.

Eine Unterstützerin des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), dem Bailer-Galanda seit Dezember als wissenschaftliche Leiterin vorsteht, legt ihr den Kurier vor - jene unsäglichen Anzeigen, in denen der verstorbene Touristik-Unternehmer Dr. Richard III. als Träger der Medaillen "Winterschlacht im Osten" und "Besetzung von Böhmen und Mähren" gerühmt wird. In der Presse wiederum legt sich einmal mehr der VP-Nationalratspräsident Andreas Khol ins Zeug: "Dieses Land war ein Opfer, die Republik war ein Opfer, aber viele unserer Bürger waren Täter."

Brigitte Bailer-Galanda ist gelinge gesagt "unangenehm berührt". "Ein Land, einen Staat als Opfer zu definieren, ist unpräzise, und muss eigentlich von den vielen tatsächlichen Opfern als Schlag ins Gesicht empfunden werden." Insgesamt sieht die Historikerin das "Gedankenjahr" 2005 - "auf die schicken Events, die da jetzt auf uns zukommen will ich gar nicht eingehen" - als "Ausblendungsprozess". "Die Geschichte der ersten Republik wird ebenso ausgeblendet wie der von Anton Pelinka so richtig bezeichnete ,verdrängte Bürgerkrieg' des Jahres '34. Historische Umstände, die bis heute unsere Politik prägen. Umstände, deren Kenntnis auch die innenpolitischen Ereignisse der letzten zehn Jahre besser verständlich machen würde."

Offenkundig gehe es jetzt wieder darum, "eine Suppe namens ,Erfolgsgeschichte Österreich' zu brauen. Damit wird wieder der Mythos der Stunde null befördert. Dabei hat die zeitgeschichtliche Forschung seit geraumer Zeit nachgewiesen, dass diese einfach nicht stattgefunden hat. Wie denn auch?" Was wäre das für eine massive Zäsur, bei der "alles, was ,nachher' geschehen ist, nichts mehr mit dem ,Vorher' zu tun hat?"

Einfache Antworten . . .

Von 1998 bis 2003 war Bailer-Galanda Mitglied und schließlich stellvertretende Vorsitzende jener Historikerkommission, die die Republik in Sachen Wiedergutmachung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus eingesetzt hatte. Eine Erfahrung, die nicht nur sie dabei machte: "Es wird immer schwieriger, komplexe Sachverhalte in und über die Medien zu transportieren. Am liebsten hätten alle gern einfache Antworten. 1988 war das kurzfristig einfacher. Da hat die Waldheim-Debatte viel an Terrain für differenziertere Darstellungen aufbereitet." Die vielerorts gern wiederholte Polemik, der Staat sei in Sachen Restitution nachlässig, ja, säumig - sie sei in dieser Schwarz-Weiß-Malerei ebenso falsch wie das von der Gegenseite geäußerte Argument, man sei allen Verpflichtungen nachgekommen.

Diese "Schlichtheit" ziehe sich nun auch durch die Events und Ausstellungen zum Gedankenjahr. Das DÖW (damals noch unter Wolfgang Neugebauer) habe etwa eine Beteiligung an der Jubiläums-Schau im Belvedere schlicht absagen müssen: "Guten Gewissens konnte er hier nicht mitarbeiten. Inhaltlich waren wir ja nicht einmal eingebunden, und das erste Konzept, das uns vorlag, war nicht akzeptabel: Das hantelte sich einfach von Originalexponat zu Originalexponat. Der Staatsvertrag neben der Zither von Anton Karas, auf der er den Dritten Mann spielte?!"

Den Vorwurf, aus parteipolitischen Gründen eine Regierungsveranstaltung kalt auflaufen zu lassen, weist die ausgewiesene Sozialdemokratin von sich. Parteipolitische Motivationen wären bei Historikern, die ernsthaft versuchen, die "Koalitionsgeschichtsschreibung" vergangener Tage hinter sich zu lassen, fehl am Platz. Nein, es gehe bei aller Subjektivität jeder historischer Darstellung schon um Exaktheit und Glaubwürdigkeit. "Aber sicher: Wenn ich eine Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus schreibe, dann beziehe ich sicher eine andere Position als ein Vertreter des Finanzministeriums, für den diese Opfer vielleicht nur ein weiterer Budgetposten sind."

Besonders brisant sieht Brigitte Bailer-Galanda derzeit die Frage, welche Materialien in Hinkunft jenen Historikern zur Verfügung stehen, die die Geschichte der letzten Jahre aufarbeiten wollen: "Es sieht ganz so aus, als würden viele Dokumente ganz schnell im digitalen Raum verschwinden. Was geschieht etwa mit den Files und Postings in elektronischen Zeitungen und Ministeriums-Homepages? Wie werden die archiviert?" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 3. 2005)

  • "Der Staatsvertrag neben der Zither von Anton Karas?!" - Brigitte Bailer-Galanda (52) über Geschichtsklischees.
    foto: standard/cremer

    "Der Staatsvertrag neben der Zither von Anton Karas?!" - Brigitte Bailer-Galanda (52) über Geschichtsklischees.

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