Mr. Rather, wie haben Sie das gemacht?

10. März 2005, 12:20
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Erinnerungen an ein TV-"Fossil" - Ein Kommentar der anderen von Eugen Freund

Hotel Bristol, Wien 1985. Damals, als die Nachrichtenabteilung von CBS noch Geld und jede Menge Korrespondenten hatte, traf sich die Creme des amerikanischen TV-Journalismus zum alljährlichen Gedankenaustausch in Wien. Mit dabei: Dan Rather, der Star-Moderator und Chefredakteur. Mein Versuch ihn zu interviewen endet mit einem: "Get out of my way".

Das fügt sich nahtlos in die Kommentare ein, die er jetzt am Abgang seines Moderator-Daseins zu hören und zu lesen bekommt. Mike Wallace, ein Kollege von "60 Minutes" lässt im "New Yorker" kein gutes Haar an Rather: "Er ist verklemmt und gekünstelt." Selbst Walter Cronkite, die CBS-Nachrichtenlegende, deren Nachfolger Rather am 9. März 1981 wurde, gibt offen zu, lieber Tom Brokaw am Konkurrenzsender NBC zugesehen zu haben als Rather.

24 Jahre Abend für Abend am Bildschirm und jetzt das. Aber das Reporterleben von Dan Rather war von Anfang an voll von Kontroversen. Schon als "White-House"-Korrespondent fiel er mit seiner aggressiven Berichterstattung über Richard Nixon auf. Im September 1987 blieb der TV-Schirm schwarz, weil er sich minutenlang weigerte, die Nachrichten zu präsentieren, nachdem sich der Beginn wegen des Tennisturniers in New York verschoben hatte.

Einige Jahre später, im Sommer 1992, hatte ich meine nächste direkte Begegnung mit Dan Rather - alle Grobheit war inzwischen vergessen. In einem ausführlichen Interview sprachen wir über Macht (oder Ohnmacht) der Medien im US-Wahlkampf. Schon lange bevor Zeitungen und Fernsehen vor George Bush in die Knie gingen, sorgte sich Dan Rather um den schwindenden Einfluss, den vor allem das Fernsehen im politischen Geschehen des Landes ausübt: "Sowohl bei Ronald Reagan als auch bei George Bush sen. haben die amerikanischen Medien keine gute Arbeit geleistet. Wir haben unseren Mut verloren, unser Rückgrat."

Mut zeigte Rather bei seinen bravourösen Auftritte im hurrikan-gepeinigten Florida, bei seinem Ausflug ins russisch besetzte Afghanistan, wo er sich als Taliban verkleidete, und bei seiner Berichterstattung von der jugoslawischen Kriegsfront.

Nicht ganz sattelfest in Hinblick auf Österreich erweist sich Rather im Februar 2000, als Wolfgang Schüssel die Koalition mit der FPÖ besiegelt: "Der Schatten antisemitischer und Nazi-Vergangenheit löst Angst und Zorn in Europa aus" dröhnt es aus Rathers Mund zu Beginn der "CBS Evening News" "...weil ein früherer Fan Adolf Hitlers die Macht in Österreich übernimmt..."

Schlechte Recherchen führen schließlich auch zu seinem vorzeitigen Abgang: im Wahlkampf zu den Präsidentschaftswahlen im vergangenen November veröffentlicht CBS Dokumente, die George Bush in keinem guten Licht erscheinen lassen. Pech war nur, dass die Papiere offenbar gefälscht waren, was Rather erst nach 11 Tagen zugibt. Damit war nun auch sein vorzeitiger Abgang besiegelt - statt ein Vierteljahrhundert wird er jetzt "nur" 24 Jahre die CBS Abendnachrichten präsentiert haben. Trotz allem eine Leistung, die ihm ziemlich sicher niemand nachmachen wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.3.2005)

Eugen Freund ist ORF-Redakteur und früher USA-Korrespondent.
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