Wie man sich als junger Mensch durchs Leben rauft

4. März 2005, 13:08
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US-Wrestling-Legende Mick Foley und ihr grobklotziges wie herzzerreißendes Romandebüt "Wie die Helden"

Im Wesentlichen wäre das Motto dieses Romandebüts auf eine Kernaussage aus der Comics-Serie Hulk eindampfbar. Dort geht es um einen unscheinbaren Protagonisten namens David Banner, der es nicht und nicht verträgt, wenn man ihm wahlweise mit Ungerechtigkeit, Unehrlichkeit oder Unpünktlichkeit auf die Nerven geht. Leben ist Blut, es packt ihn die Wut - und er sieht rot: "Ärgern Sie mich nicht, Sie würden mich nicht mögen, wenn ich böse bin."

Mick Foley alias Cactus Jack alias Mankind, einer der größten und beliebtesten US-Wrestler in der Geschichte dieses durchaus mit der kindlichen Schlichtheit von Comics verwandten Schaukampfsports, zitiert nach einer Bestseller-Autobiografie und drei Kinderbüchern in Wie die Helden nicht nur aus dem Hulk. Er lässt als 40-jähriges Kind der Popkultur auch Trost und Rat und Weisheit gebende Songtexte von Bruce Springsteen, Nat King Cole oder Barry Manilow in seine ebenso grobklotzige wie herzzerreißende Teenie-Tragikomödie einfließen.

Protagonist Andy alias Antietam Brown V. ist wie alle männlichen Nachkommen einer White-Trash-Sippschaft aus Virginia seit dem Tod seines Urururgroßvaters auf dem gleichnamigen Bürgerkriegsschlachtfeld 1862 mit einem Vornamen gestraft, der nicht nur an einstige Gewalttaten erinnert. Sein irgendwie ein wenig schwuchtelig klingender Vorname provoziert auch seitens von Testosteron dampfender Lehrer und Schulkollegen Schläge und Demütigungen. Dazu kommt noch, dass Andy nach einem schweren Autounfall nicht nur ein Ohr verloren hat, sondern dass auch seine Hand verkrüppelt ist. Andy Brown, ein jugendlicher Außenseiter, wie man ihn sich nicht besser als Klischee stanzen könnte. Immerhin hat die US-Literatur seit Huckleberry Finn und Holden Caulfield diesbezüglich schon einiges an Vorgaben geboten, die herauf bis zum Welterfolg von DBC Pierres Jesus von Texas aus dem Vorjahr reichen. Ach ja, zumindest das abgetrennte Ohr kommt nicht aus der Literatur, sondern vom Autor selbst. Bei einem Kampf in den 90er-Jahren in München verlor er zwei Drittel seines linken wegen eines über Gebühr bösen Gegners.

Von renommierten US-Medien wie dem New Yorker durchaus zu Recht bejubelt, schickt Mick Foley also seinen jugendlichen Antihelden auf die Suche nach der in seinem Alter noch größer als später im Erwachsenenalter gewöhnlich abgehandelten großen Liebe. Er findet und verliert sie bei der Tochter eines bigotten christlichen Fundamentalisten. Auf Schuld folgt Sühne, auf Verdammnis die zeitweilige Erlösung. Ying und Yang, Rock und Roll. Hart an der Grenze zum Kitsch, aber dann immer wieder voll im Leben haben wir es hier mit einem durch und durch amerikanischen Buch zu tun, das in seinem Kern vor allem auch von einem handelt, von einer ohnmächtigen Wut, die von einem Besitz ergreift, wenn man immer nur das Gute will - und das Böse einen schließlich beinahe endgültig schafft. Andy Brown, der diesbezüglich küchenpsychologisch vollkommen verständlich als Halbwaise, der bei Zieheltern und im Heim aufwuchs und dort misshandelt wurde, immer wieder durchdreht, hat das irgendwie auch in den Genen.

Immerhin taucht nach 16 Jahren unvermutet wieder sein biologischer Vater auf, ein veritabler, aber blöderweise auch durchaus sympathischer Psychopath und sexbesessener Narziss, mit dem Andy tatsächlich seine blauen Wunder erleben wird. Nicht zuletzt deshalb, weil Papa sich gern in der Nachbarschaft nach vernachlässigten Hausfrauen umsieht. Mehr darf hier nicht verraten werden. Nur so viel: Das Herz dieses Wrestlers ist groß und gütig. Und wenn dieser Roman nicht verfilmt wird, dann fresse ich ein Ohr. (DER STANDARD, Printausgabe, 26./27.02.2005)

Von Christian Schachinger
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    Mick Foley:
    "Wie die Helden"
    Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch, € 19,90,-/334 Seiten, Kein & Aber, Zürich 2004.

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