Jahrzehntelang totgeschwiegen

25. Februar 2005, 20:56
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Margarethe W. war Sex-Zwangsarbeiterin, für sie kommt jede Wiedergutmachung zu spät

Unsere Bekleidung war ein weißer Faltenrock, ein kleiner Schlüpfer und ein Büstenhalter", erzählt die alte Frau. Bis auf das Ticken der Wanduhr ist es still im Zimmer. Zwei Jahre lang, von 1943 bis 1944, musste Margarethe W. im Häftlingsbordell des Konzentrationslagers Buchenwald Sex-Zwangsarbeit verrichten. Über diese demütigende Erfahrung hat sie nach dem Krieg geschwiegen. Erst im Alter, den Tod vor Augen, überwindet sie ihre Scham.

"Jeden Abend mussten wir rund zehn Männer über uns drübersteigen lassen. Rauf, rein, raus, rein - wieder runter." Jeder hatte eine Viertelstunde Zeit. Dann kam der Nächste. Zwei Mark mussten sie bezahlen und konnten sich dafür eine der Frauen - sie hatten Nummern - aussuchen. Vorher untersuchten Ärzte die Männer auf Geschlechtskrankheiten und gaben manchen vorsorglich eine Spritze. Die Frauen mussten sich nach jedem Geschlechtsakt waschen. An Sauberkeit mangelte es nicht.

Wie Margarethe W. erging es vielen. Allein von 1940 bis 1942 wurden rund 35.000 Frauen von den Nazis zur Sexarbeit gezwungen, meist alle sechs Monate ausgewechselt, nachher vielfach umgebracht. Bordelle gab es für die Wehrmacht, die SS sowie für Zwangs- und Fremdarbeiter. In Auschwitz und anderen Lagern mussten die Frauen auch männlichen Mithäftlingen zur Verfügung stehen. "Mit Häftlingsbordellen wollte man Zwangsarbeiter, etwa in der Textil-, Chemie- und Rüstungsindustrie oder in der Lagerverwaltung, zu Leistungssteigerung anreizen", erklärt Brigitte Halbmayr vom Institut für Konfliktforschung in Wien. Zusammen mit den Kolleginnen Helga Amesberger und Katrin Auer hat die Soziologin Formen der sexualisierten Gewalt gegen Frauen im Dritten Reich erforscht. Ein bis in die 1990er-Jahre tabuisiertes Kapitel der NS-Geschichte.

Das erste Häftlingsbordell in einem KZ entsteht auf Befehl Heinrich Himmlers im Juni 1942 in Mauthausen. Insgesamt wurden acht Häftlingsbordelle errichtet. "Man ging zum Blockältesten und sagte: ,Ich möchte in den Sonderbau'", erzählt der Niederländer Albert van Dijk, der als 18-Jähriger nach Buchenwald kam. Danach wurde beim Appell seine Nummer aufgerufen. Im Bad erhielt man saubere Unterwäsche, wenn der Häftlingsanzug nicht mehr sauber war, auch einen neuen Häftlingsanzug. "Und dann hatte man noch ein Mädchen - alles für zwei Mark", sagt van Dijk.

Im Sonderbau sind Gardinen vor den Fenstern und Blumen auf den Tischen. Eine Oase inmitten der Gewalt und des Sterbens. Der Gemeinschaftsraum ist hell, in den Arbeitszimmern sind breite Liegen mit sorgsam gefalteten Decken. In der Verwaltung herrscht preußische Gründlichkeit: Über jeden Besuch wird akribisch Buch geführt: Name der Frau, Anzahl der Freier, Gesamteinnahmen. Viele Häftlinge kommen vor allem, um menschlichen Kontakt zu haben und zu reden - was streng verboten ist. "Es gab viele Affären", sagt Hans Marsalek, ehemaliger Mauthausen-Häftling: "Manche der Männer haben sich beim Geschlechtsverkehr verliebt." Die meisten Häftlinge sind körperlich zu schwach für Geschlechtsverkehr. Der Bordellbesuch ist also einer kleinen Gruppe privilegierter Häftlinge - Kapos und dem Lagerschutz - vorbehalten. Unter politischen Häftlingen ist der Besuch des Sonderbaus verpönt.

Hauptumschlagplatz für die Sex-Zwangsarbeiterinnen ist das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Als Margarethe W. dorthin verschleppt wird, ist sie gerade 21. Als sie dabei erwischt wird, wie sie sich Kartoffeln "abzweigt", kommt sie in den Strafblock. Im Juli 1943 wird sie mit sechzehn anderen Frauen für das Bordell-Kommando in Buchenwald ausgewählt. Zu der Zeit ist sie noch Jungfrau.

Auf Befehl Himmlers sind für das Bordell anfangs nur vorbelastete Frauen "abzustellen", die unter die Häftlingskategorie "asozial" fallen. Zwangsrekrutiert werden auch so genannte "Bettpolitische" - Frauen, die aufgrund einer Beziehung zu einem Fremdarbeiter inhaftiert worden sind. Der Nazi-Staat, der Frauen wegen - nachgesagter - Prostitution ins KZ sperrt, benutzt nun ebendiese Frauen zur Sex-Zwangsarbeit.

Volljährig, gesund und "einigermaßen hübsch" sollen die Frauen sein. Sie werden auf Geschlechtskrankheiten untersucht und unter die Höhensonne gesetzt. Als Belohnung wird ihnen besseres Essen, ein kleiner Verdienst und die vorzeitige Entlassung versprochen. Viele greifen nach diesem Strohhalm und lassen sich auch "freiwillig" anwerben. "Aus diesem Umstand erwuchs der Mythos der freiwilligen Meldung für das KZ-Bordell", sagt Brigitte Halbmayr, hält das aber für eine ungerechtfertigte Bezeichnung: In einem KZ, wo man ums Überleben kämpft, könne von Freiwilligkeit und Wahlfreiheit nicht die Rede sein.

Frauen, die sich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert hatten, wurden nach Ravensbrück zurückverlegt und medizinischen Versuchen unterzogen. Schwangeren verordnete man eine Zwangsabtreibung, die meist im Lager selbst durchgeführt wurde. "Man wird abgestumpft. Das Leben zählt nichts mehr, denn sie haben einen als Mensch kaputtgemacht", erinnert sich Margarethe W. Tagsüber waren die Frauen im Sonderbau eingeschlossen, durften höchstens um das Haus herumspazieren, Kontakt zu den Mithäftlingen war ihnen verboten. Margarethe W. fühlte sich ausgeliefert. Sie sagte sich: Je eher sterben, desto besser. Nur wenige Frauen überstehen die seelische und körperliche Tortur. Als Krieg und Naziterror endlich vorbei sind, wird ihnen die Anerkennung als Zwangsarbeiterinnen versagt. Man befürchtet, Schrecken und unmenschlichen Bedingungen in den Lagern könnten durch Berichte über Häftlingsbordelle relativiert werden - und schweigt deren Existenz jahrzehntelang tot. Andere stellen die ehemaligen Sex-Zwangsarbeiterinnen moralisch an den Pranger. Der NS-Forscher Eugen Kogon schreibt im Buch Der SS-Staat, bis auf wenige Ausnahmen hätten sie sich laut Zitat "in ihr Schicksal ziemlich hemmungslos gefügt". Der Schriftsteller Jorge Semprún geht noch weiter: Er veröffentlicht die vollen Namen aus dem Buchenwalder Häftlingsbordell. Aus Scham sprechen nur wenige ehemalige Sex-Zwangsarbeiterinnen über das, was sie erlitten haben. Bereits im KZ standen sie in der Häftlingshierarchie als "Asoziale" auf unterster Stufe der Reichsdeutschen. Die Hierarchisierung setzt sich in der Nachkriegsgesellschaft fort. Dieser Teil der Lagerzwangsarbeit wird tabuisiert.

Margarethe W. war unter den Nazis fünf Jahre in Konzentrationslagern eingesperrt. Als "Asoziale" gehörte sie aber nicht zu den nach dem Bundesentschädigungsgesetz anerkannten Verfolgten des NS-Regimes. Damit fand sie sich nicht ab. Sie nahm sich einen Anwalt, ging vor Gericht. Nach jahrelangen Prozessen erhielt sie 1988 eine einmalige Entschädigung. Schließlich wird ihr nach dem Landeshärtefonds eine laufende finanzielle Unterstützung zuerkannt, die nach einer Rentenerhöhung jedoch wieder gestrichen wurde. Dagegen legte sie Berufung ein. Sie wollte Wiedergutmachung und Anerkennung ihres Leidens. Der endgültige Ablehnungsbescheid kommt an einem Montag im Oktober. Einen Tag zuvor ist Margarethe W. an einem Schlaganfall gestorben. (DER STANDARD, Album, Printausgabe 26./27.02.2005)

Von Rebecca Hillauer
  • Himmler vor dem Häftlingsbordell Mauthausen: Männer mussten einen "Sprungschein" ausfüllen: "Bitte gehorsamst das Bordell besuchen zu dürfen."
    foto: bmi/fotoarchiv der gedenkstätte mauthausen
    Himmler vor dem Häftlingsbordell Mauthausen: Männer mussten einen "Sprungschein" ausfüllen: "Bitte gehorsamst das Bordell besuchen zu dürfen."
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