Im Glashaus des männlichen Denkens

    4. März 2005, 21:48
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    Vollversion des Interviews mit Elfriede Jelinek - von Heide Hammer

    dieStandard.at: Was verbinden sie mit dem internationalen Frauentag? Welche Aktionsformen finden sie ansprechend und politisch wirksam?

    Elfriede Jelinek: Es gibt sicher Länder, die guten Grund haben, einen internationalen Frauentag zu feiern. Angesichts allerdings der Tatsache, dass die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen hier in Österreich nicht nur, wie immer schon, auseinanderklafft, sondern sogar noch größer wird! – was soll da ein Frauentag bei uns? Das ist für mich Augenauswischerei. Man kann den Frauen doch nicht einen Tag hinschmeißen wie einem Hund einen Knochen. Das ist ja lächerlich, der blanke Hohn.

    Ich wüsste nicht mehr, was man noch tun könnte, ehrlich gesagt. Aber was immer zu tun ist, es sollen andre tun. Ich werde mich immer anschließen, aber Kämpferin bin ich keine mehr.

    dieStandard.at: Welche Bedeutung haben feministische Positionen für sie?

    Elfriede Jelinek: Feminismus ist und war für mich immer bedeutsam. Ich bewundere Alice Schwarzer für ihre ungebrochene Energie und Willenskraft. Ich habe nichts davon übrig oder fast nichts. So viele meiner Kolleginnen, soviele Frauen haben sich in diesem Kampf schon aufgerieben, mit diesem mageren Ergebnis. Und es geht ja nicht nur um die ökonomische Ungleichheit. Es geht um das phallokratische Wertesystem, das auch noch die Werke der Frau, im Vergleich zu denen der Männer, auch die der Kunst – ja, auch meine! -, verachtet und geringschätzt. Dafür könnte ich sehr viele Beispiele anführen. Allein wie man die Künstlerinnen Valie Export oder Olga Neuwirth hier behandelt hat, darüber könnte man ein Buch schreiben.

    Es ist diese Verachtung, die nie ausgesprochen wird, aber zermürbend ist auf Dauer. Was Frauen tun, zählt nicht, außer sie haben einen jungen und schönen Körper zu bieten. Sie können sich nur durch ihr Äußeres einen Wert geben und diesen Wert – vielleicht durch ein paar Operationen? – sogar noch erhöhen, und selbst den messen ihnen andre an und legen den Maßstab anschließend wieder an andre Frauen, die ihm nie genügen können. Durch intellektuelle oder künstlerische Leistung kann die Frau sich keinen höheren Wert verleihen, höchstens noch im Sport, da geht es ja auch um den Körper.

    dieStandard.at: Welche feministischen Zugänge bevorzugen sie? Haben sie ihre dahingehenden theoretischen Vorlieben im Zeitverlauf verändert?

    Elfriede Jelinek: Ich habe immer eher ungeordnet und wahllos feministische Theorie gelesen – wie Theorie überhaupt, ich lese bloß gezielt für Arbeiten, die ich vorhabe. Mich hat immer das Denken von Frauen interessiert, auch wenn es nicht unbedingt vordergründig feministische Theorie ist, was sie schreiben, also von Hannah Arendt, der großen politischen Denkerin, bis zu Zeitgenossinnen wie Barbara Hahn, Eva Meyer, Barbara Bronfen und andre. Leider habe ich mich (noch) zu wenig mit Judith Butler beschäftigt, aber das habe ich vor.

    Ich würde auch sehr gern mehr ökonomische Analysen von Frauen lesen. Allein über die Obszönität von Frauenarbeit, also dem Verborgenen von Frauenarbeit. Diese ungeheuren und opfervollen Leistungen von Frauen allein bei der Pflege und Betreuung Alter und Kranker, die Mühe bei der Erziehung von Kindern, die ja (nur da scheint sich jetzt etwas zu ändern und Männer scheinen doch mehr Verantwortung zu übernehmen, was sich allerdings in den Karenzzahlen noch nicht manifestiert) fast immer an der Frau hängenbleibt. Ich denke auch daran, wie eine der wenigen fähigen Frauenministerinnen, Helga Konrad, lächerlich gemacht wurde für ihre Kampagne zur Teilung der Hausarbeit, ein ungeheuer wichtiges Thema, aber das Lächerlichmachen ist schon immer eine beliebte Methode gewesen. Dass Frauen in keinem BIP aufscheinen, allein diese Ungerechtigkeit könnte einen in den Wahnsinn treiben, hätte man noch einen Verstand zu verlieren.

    Mir kommt das so vor, als würde ein großer Teil des nationalen Reichtums auf den gebeugten Rücken von Frauen erwirtschaftet, und dazu kommen noch die Heim- und Hausarbeiterinnen aus dem Osten, die hier in einer Art klandestinem Leben alte Menschen pflegen und natürlich froh sind, überhaupt eine Verdienstmöglichkeit zu haben, auch wenn sie rechtlich völlig unabgesichert sind. Vielleicht wird wenigstens in dieser Richtung etwas getan, um deren Los erträglicher zu machen.

    dieStandard.at: In einem Versuch, politische Konjunkturen in feministischen Zugängen zu fassen, könnten Positionen der Abgrenzung – gegen herrschende patriarchale Normen, Privilegien, Konventionen erkannt werden, andererseits oder daneben gibt es lustbetonte, leichte, vielleicht eher subversive Zugänge. Was ist ihre Sicht auf derartige Konjunkturen – und welche Motivation ihrer künstlerischen und politischen Aktivitäten möchten sie benennen?

    Elfriede Jelinek: Leichtigkeit und Fröhlichkeit gehen mir leider inzwischen völlig ab bei diesem Thema, fürchte ich. Man fixiert sich da sicher in ungesundem Fanatismus, und dann gilt man irgendwann – wie ich – als fanatisierte Emanze. Aber die Verbitterung über die Zustände führt halt nicht immer zu geistreichen Scherzen oder aktionistischen originellen Aktionen, so sehr ich die auch bewundere. Ich bin froh, daß die jüngeren Frauen noch die Kraft für sowas haben.

    Aktionismus war nur in meiner Jugend angesagt, und da hat sich das eher künstlerisch geäußert. Da habe ich ab und zu spaßguerillaartige Aktionen gemacht. Mir kommt in der Rückschau vor, als wären damals die Frauen, auch in der Kunst – ich spreche von den späten 60ern und den frühen 70ern, nicht von den 50ern, wo die Frauen ja überhaupt nur möglichst hübsche Anhängsel der Künstler waren – in einer Art Aufschwung gewesen. Im Rückblick erscheint es mir wie ein tiefes Atemholen, das langsam erstickt worden ist.

    Inzwischen ist eine gewisse political correctness in manchen Kreisen halbwegs selbstverständlich geworden, wenigstens darf man im Parlament Frauen nicht mehr öffentlich beleidigen, obwohl ich auch das schon öfter, sogar in jüngster Zeit, bei Übertragungen gesehen habe, aber in diesen lähmenden Pflichtübungen versandet auf der andren Seite jede Energie zum Widerstand.

    dieStandard.at: Ist ein Rückzug auf ihre Arbeit als Künstlerin möglich, wenn theoretische Entwicklungen stocken?

    Elfriede Jelinek: O ja, dieser Rückzug ist selbstverständlich möglich, und ich habe mich ja fast immer auf meine künstlerische Arbeit zurückgezogen, in der ich frei bin, alles zu sagen. Das kann die Frau offenbar nur, wenn sie mit sich allein ist. Die Literatur ist ja insofern sehr angenehm (und es hat ja gerade in der Literatur immer bedeutende Frauen gegeben), als man nicht viel dafür braucht sie herzustellen. Das berühmte "Zimmer für sich allein" der Virginia Woolf (nicht einmal das ist im Grunde nötig, viele Frauen haben am Küchentisch geschrieben), ein paar Blatt Papier, Schreibwerkzeug, das hat jede.

    In der Kunstwelt ist es natürlich eine Katastrophe, und die größte Katastrophe sind Musik und Philosophie, in der Musik ist die Komponistin auf potente Auftraggeber angewiesen, und in der Philosophie sitzt sie im Glashaus des männlichen Denkens, aber dieses Glas wird nie einen Sprung kriegen, da kann man noch soviele Steine schmeißen.

    dieStandard.at: Gibt es KollegInnen, jüngere Entwicklungen des Literatur- und Theaterbetriebs, die sie begeistern? Sibylle Berg wird zum Beispiel mit ihnen verglichen?

    Elfriede Jelinek: Ja, da gibt es etliche, die mich interessieren, begeistern lasse ich mich nicht so leicht, leider – viele Künstlerinnen, viel interessanter ist, was aus ihnen wird, ob sie sich ihre Energie erhalten können.

    Sibylle Berg liebe ich sehr, ihre böse Ironie, bei der die Sprache nicht schon, wie bei mir, vorher weiß, dass alles vergebens ist, sondern die vielmehr mit der Sprache Schritt für Schritt beweist, dass alles vergebens und lächerlich ist, gefällt mir sehr gut. Sie kennt das Leben, das schätze ich bei Schriftstellerinnen besonders.

    Überhaupt kennen Frauen ja das Leben viel besser, man beachte nur die Arbeiten der großen angelsächsischen Krimiautorinnen wie Ruth Rendell oder P.D. James und anderer. Da die Frauen ja die Liebesarbeit leisten, kennen sie auch die Katastrophen, die daraus resultieren und können daher auch besser darüber schreiben, sozusagen in Objektsprache, nicht in verlogener Metasprache. Und genau das ist auch einer der Punkte, wo ihre Arbeit vom männlichen Bewertungssystem verachtet wird. Dieses System hat für diese Art von Weltsicht keinen Platz, weil es die Welt sozusagen nur von oben sehen kann. Die Sprache des Herrn ist reich, aber dafür verlogen.

    dieStandard.at: Möchten sie die Regierungsaktivitäten zum Jubiläumsjahr 2005 kommentieren?

    Elfriede Jelinek: Nein. Was soll man da kommentieren? Da ich diese Regierung verabscheue, werde ich mich auch nicht mit ihren (Selbst-)Repräsentationsaktivitäten auseinandersetzen. Nur mit ihren Taten, bzw. Nicht-Taten.

    dieStandard.at: Zugleich war die schwarz-blaue Regierung auch in den vorangehenden Jahren nicht untätig: politische Selbstbestimmungs- und Verwaltungsgremien wurden umgebaut, z.B. der Hauptverband der Sozialversicherungen oder die Österreichische HochschülerInnenschaft. In diesen demokratiepolitischen Entwicklungen gibt es klare Bekenntnisse zu Exzellenzzentren, neue Elitediskussionen und Verschärfungen im Asylgesetz. Wie beurteilen sie diese Entwicklung?

    Elfriede Jelinek: All das zu kommentieren überlasse ich fast immer dem Journalismus, der das inzwischen sehr kritisch begleitet. Immerhin lassen Regierungen wie die unsre die kritischeren JournalistInnen aufwachen. Spät, aber doch. Da ohnehin inzwischen alles schwarz eingefärbt ist – mit einigen schlagenden Burschenschaftlern in Universitätsgremien oder Forschungseinrichtungen und anderswo, wo sie sich ganz besonders anmutig ausnehmen -, kann man auch keine Analysen mehr anstellen, denn es gibt nichts mehr zu analysieren. Es gibt nur noch eine Monokultur der Schwärze. Dieses Land ist jetzt endgültig, auch dank der Konzentration im Pressewesen, verdirndlt und verlederhost und verklampft und verjodelt und versportelt.

    dieStandard.at: Inwieweit ist es möglich öffentlich zu agieren, wenn soziale und politische Sanktionen immer schärfer werden. Ich denke einerseits an die Plakataktion der FPÖ und andererseits an den regierungsamtlichen Umgang mit ihrem Literaturnobelpreis.

    Elfriede Jelinek: Ich möchte mir, wie jede Staatsbürgerin und jeder Staatsbürger, das Recht vorbehalten zu protestieren gegen die gröbsten Missstände. Ich habe in meiner Homepage auch eine Rubrik eingerichtet (Notizen), in der ich, sozusagen privat – denn ich kann das Gegeifere, das so vielen meiner Arbeiten gefolgt ist, einfach nicht mehr aushalten, ich kann Öffentlichkeit überhaupt nicht mehr sehr gut aushalten, fürchte ich – meine politischen Kommentare abgebe, in einer nicht sehr ausformulierten, quasi vorläufigen, flüchtigen Sprache. Dort kann ich mich sozusagen auskotzen, in meinem eigenen Vorzimmer, dort darf niemand andrer als ich Dreck machen. Und es geht niemanden etwas an, ob ich ihn wegputze oder nicht.

    Politische Sanktionen fürchte ich nicht. Aber andre, die nicht so bekannt sind wie ich, haben sie sehr wohl zu fürchten. Ich denke nur an die Volxtheater-Karawane, über die (österreichische Staatsbürger!), als sie in einem Nachbarland inhaftiert war, geheimdienstliche Erkenntnisse ausgeplaudert wurden. Niemand sollte sich also in Sicherheit wiegen. Mich schützt in gewisser Weise mein Name, den ich mir auch im Ausland gemacht habe. Ich habe da nichts zu fürchten. Aber ich fürchte für andre.

    dieStandard.at: Ihr Schreiben ist öffentlich, die Wahrnehmung ihrer Person und ihres Werkes verschwindet mitunter hinter der Inszenierung der Bilder.

    Elfriede Jelinek: Ja, hinter den Bildern verstecke ich mich. Vorher bemale ich mich noch und camoufliere mich mit japanischen Kleidern – ich habe auch darüber geschrieben -, so hoffe ich, hinter mir selbst verschwinden zu können. Aber irgendwie scheine ich zu klein zu sein, um mich hinter mir auf Dauer verstecken zu können. Die Mode werde ich wohl auch aufgeben müssen, zumindest in ihrer extravaganteren Ausprägung, um in der Öffentlichkeit keine Blicke auf mich zu ziehen.

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