Politologe Radichovski: "Russischer Führung fehlt es an jeder Strategie"

24. Februar 2005, 15:32
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Das Enfant terrible der russischen Politologenszene STANDARD-Gespräch über Zwänge und Vorzeichen der derzeitigen Moskauer Außenpolitik

"Am Ende des 19. Jhdt. ging der Zar ein Bündnis mit den Franzosen ein, obwohl er Frankreich hasste. Aber er fürchtete das schnell wachsende Deutschland. Jetzt haben wir eine analoge Situation: China stellt eine große geopolitische Bedrohung sowohl für Russland als auch für die USA dar."

Geht es nach Leonid Radsichovski, dem Enfant terrible der russischen Politologenszene, so gibt es vier Triebfedern, die Moskaus Außenpolitik bestimmen: zum einen China, das als Markt interessant, als Volk aber gefürchtet ist; zum anderen die Attraktivität des Westens, den man genau dafür hasst; das weltweite Interesse an den russischen Bodenschätzen und über allem der kurzfristige Eigennutz der Führung bei gleichzeitigem Fehlen jeder Strategie.

Die Grenze mit China macht Russland seit Langem Sorgen. Russland Bevölkerung schrumpft rapide und die chinesische Migration in die lukrativen, dünn besiedelten Landstriche droht: "Die russische Führung weiß, dass Amerika der einzige Garant ist, dass China Russland nicht mit Migration und wirtschaftlich okkupiert." Das sei es laut Radsichovski dann aber schon auch, was die russische Führung an Amerika binde.

Putin hat die USA als erster im Antiterrorkampf unterstützt. Laut Radsichovski sei die russische Führung wegen der mangelnden Gegenleistungen enttäuscht. Dass man immer wieder auf Konfrontation mit dem Westen geht, sei nicht zuletzt darin begründet. Dazu komme, dass man mit angekündigten Waffenlieferungen an Syrien oder der Atomkooperation mit dem Iran seine zwanghafte Eigenständigkeit zeigen wolle.

Populisten-Bouillon

Wichtig sei dabei der antiamerikanische Nimbus: "Populismus in Russland: Das ist eine Bouillon aus Amerikahass, Nostalgie auf das alte Imperium, Xenophobie und Antisemitismus." "Neun Zehntel" der russischen Außenpolitik sieht Radsichovski in diesem Populismus begründet. Und hier zeige sich ein Paradoxon, denn in Wirklichkeit sei die russische Bevölkerung "völlig nach Westen orientiert, aber mit Hass. Sie weiß nichts über andere Weltgegenden, aber alles über die USA und Europa. Aber sie hasst es, ist empfindlich aus Neid über den Wohlstand".

Im Übrigen fehle in der Außenpolitik jegliche Strategie. Denn im Unterschied zum längerfristig denkenden Zaren seien heute die "Temporären" an den Schaltstellen: "Das Resultat der Aktionen beunruhigt kaum jemanden, es beunruhigt nur, wie viel Geld man auf dem Weg rauben kann", so Radsichovski unverblümt. Das habe sich nicht zuletzt bei der Wahleinmischung in der Ukraine gezeigt, wo ein Schwadron von sündteuren Polittechnologen Putin vor der ganzen Welt blamiert habe.

Die neoimperialistischen Züge Russlands reduzieren sich nach Radsichovski demnach auch auf bloßes Wunschdenken: "Das Interesse ist da, allein es fehlen die Kräfte – die physischen und die intellektuellen." Die Hinwendung zu demokratiefeindlichen Staaten sei auch darin begründet, dass von dort keine Kritik zu erwarten sei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2005)

Eduard Steiner aus Moskau
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