Künstlerzorn auf der Straße

24. Februar 2005, 18:59
posten

Proteste gegen Budgetkürzung in Italien

Seine Violine hat Salvatore Accardo mitgebracht. Doch das Ziel des bekannten Geigers war am Montag nicht das von Renzo Piano gebaute römische Konzerthaus, sondern ein 2000 Jahre älteres Gebäude: das Pantheon. Am Platz vor dem geschichtsträchtigen Tempel befand sich Accardo in prominenter Gesellschaft: Die Tänzerin Carla Fracci war ebenso da wie die Regisseure Ettore Scola, Carlo Lizzani und Gillo Pontecorvo, der Musiker Ennio Morricone und die Autorin Dacia Maraini.

Italiens Kulturschaffenden reicht es. Sie gehen auf die Straße. "Wir können nicht mehr untätig zusehen, wie die Kultur in diesem Land abgewürgt wird", empört sich Accardo. Der Dachverband AGIS, der zum ungewöhnlichen Protest aufgerufen hat, spricht von "Aderlass". "Das Kulturbudget ist in den letzten 20 Jahren um 36 Prozent gesunken", klagt der Vorsitzende Alberto Francesconi.

"1985 wurden für Musik, Theater, Tanz, Film und Oper über 683 Millionen Euro ausgegeben; 2005 sind es noch 492 Millionen. 35 Millionen wurden allein im vergangen Jahr gestrichen!" Vor dem Pantheon sammeln die Kulturschaffenden Unterschriften, verteilen Flugblätter, diskutieren mit neugierigen Passanten. Dann ziehen Künstler, Autoren, Schauspieler, Musiker und Regisseure in einem Protestmarsch ins nahe Stadttheater, wo Gianluigi Gelmetti ein "Protestkonzert" von Musikern der beiden großen städtischen Orchester dirigiert.

Es ist düster

"Wenn diese Entwicklung anhält, gibt es keine Hoffnung mehr. Die Lage ist dramatisch", warnt die ehemalige Prima Ballerina der Scala, Carla Fracci. Und Geiger Accardo sieht gar den "Horizont so düster, dass unsere Zivilisation gefährdet ist". Der Intendant der römischen Bühnen Giorgio Albertazzi rezitiert Auszüge aus Youcenar-Texten. Der Schauspieler Gabriele Lavia liest dem Publikum den Appell der Kulturschaffenden vor: "Eine Regierung, die Kunst und Kultur nicht fördert, beweist gefährliche Kurzsichtigkeit."

Erregt sich der populäre Schauspieler Stefano Accorsi: "Ein Staat, der die Kultur nicht fördert, verdient diesen Namen nicht." (DER STANDARD, Printausgabe, 22.02.2005)

Von
Gerhard Mumelter aus Rom
Share if you care.