Wolfgang und Jörg

21. Februar 2005, 18:57
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Eine Kolumne von Hans Rauscher

Vor fünf Jahren, im Winter 1999/2000, starteten Wolfgang Schüssel und Jörg Haider gemeinsam ein Experiment, das von gemeinsamen Interessen getragen schien. Beide wollten die 30-jährige sozialdemokratische Dominanz beenden und eine nationalkonservative Trendwende in Österreich herbeiführen. Schüssel wollte die Position des Kanzlers für die ÖVP erringen und damit der Partei jene Attraktivität und Stärke verleihen, die ihr der Wähler zunächst nicht geben wollte (bei der Wahl im Herbst 1999 nur 27 Prozent). Haider, der seine Partei von rund fünf auf den Rekordwert von ebenfalls 27 Prozent geführt hatte, wollte eine Regierungsbeteiligung und damit Respektabilität.

Heute hat Schüssel seine Ziele weit gehend erreicht, sie sind allerdings gefährdet. Und zwar gerade dadurch, dass Haider seine Ziele überhaupt nicht erreicht hat, sondern im Gegenteil seither ein beispielloser Niedergang seiner Partei und seines persönlichen Ansehens eingetreten ist. Der Ausgang des Experimentes vom Winter vor fünf Jahren ist noch offen. Es kann damit enden, dass Wolfgang Schüssel und die Volkspartei sich endgültig als die politisch-gesellschaftliche Dominante des Landes etablieren. Das ist dann der Fall, wenn Schüssel bei den nächsten Wahlen die ÖVP so positioniert, dass er sich bequem einen Koalitionspartner aussuchen kann: die Grünen, doch wieder die Freiheitlichen oder gar die SPÖ.

Es kann auch damit enden, dass Schüssel keine Regierungsmehrheit zustande bringt. Damit wäre auch die nationalkonservative "Wende" eine Episode geblieben. Auf dieses Ziel scheint Haider derzeit hinzuarbeiten. Wenn Haider in den Spiegel schaut, sieht er einen 55-jährigen populistischen Politiker, der sein jugendliches Erfolgsimage, von dem er 20 Jahre gelebt hat, nun verliert. Wenn er Glück hat, kann er weiter Landeshauptmann von Kärnten bleiben, ein (von ihm) schlecht geführtes Land mit schlechten Zukunftsaussichten.

Seine Partei ist zwar in der Regierung, aber ein Witz. Kein tolles Lebenswerk. Wenn Schüssel wieder der nächste Kanzler ist, vielleicht sogar ohne FPÖ, dann wird es heißen, er habe Haider klein gemacht. Das wird zwar so nicht stimmen, weil Haider sich zum großen Teil selbst klein gemacht hat (und weil ihn die EU-Maßnahmen klein gehalten haben), aber das werden nur wenige so sehen.

Haider sinnt nun darauf, einerseits Schüssel den Triumph zu zerstören, andererseits selbst mit der FPÖ noch halbwegs gut auszusteigen. Die Chancen dafür stehen nicht gut, weil Haider ein instinktiver Demagoge und Krawallpolitiker ist, aber kein wirklicher Stratege und überlegter Machtpolitiker - sonst hätte er sich in einem halben Dutzend entscheidender Situationen klüger verhalten. Aber der schluss-endliche Erfolg von Schüssels gewagtem Spiel hängt doch davon ab, wie diese seltsame ÖVP-FPÖ-Koalition ausgeht. Kracht sie noch einmal auseinander und wird dabei das Ansehen Schüssels beschädigt, so könnte es doch noch zu einer Kanzlerschaft der SPÖ kommen. Haider überlegt daher, mit einer "Liste Haider" bei den nächsten Wahlen anzutreten. Er rechnet mit 16, 17 Prozent entweder allein oder eher zusammen mit dem Rest der FPÖ, mit der er dann eine Fraktion bilden könnte. Das reicht jedenfalls, um Schüssel zu stürzen (denkt Haider).

Was ihm dazu fehlt, sind a) willige Financiers und b) eine ungebrochene Haider-Begeisterung zahlreicher Wähler. Aber einen stillen Abgang Haiders kann sich kaum jemand vorstellen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.2.2005)

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