Ex-US-Sicherheitsberater im Interview: "Trennung Europa-Amerika wäre Wahnsinn"

22. Februar 2005, 17:53
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Zbigniew K. Brzezinski: "Sehr tiefe Kluft in den globalen Wahrnehmungen aufgetan"

Zbigniew K. Brzezinski, Ex-US-Sicherheitsberater, warnt im Gespräch mit Monika Jung-Mounib vor einer sich vertiefenden Kluft in der Weltwahrnehmung der Amerikaner und Europäer.

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STANDARD: Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen für eine Verbesserung der euro- atlantischen Beziehungen, und wovon hängt das ab?


Brzezinski: Eine echte Verbesserung in den Beziehungen kann nur allmählich entstehen. Es ist allerdings eine bedauernswerte Tatsache, dass sich zwischen Amerika und Europa eine sehr tiefe Kluft in den globalen Wahrnehmungen aufgetan hat und auf beiden Seiten eine ziemliche Ernüchterung vorherrscht. Die beste Art, das zu überwinden, wäre es, eingehende strategische Diskussionen zu führen, die zu gemeinsamen Entscheidungen wie auch gemeinsamen Lasten führen würden. Bisher neigten die Amerikaner dazu, die gemeinsamen Lasten zu betonen, aber die Entscheidungen alleine zu treffen. Die Europäer setzten den Akzent auf gemeinsame Entscheidungen, wollen jedoch Amerika die Lasten überlassen.


STANDARD: Wie erklären Sie das neue Interesse der Bush-Administration an Europa? Experten wie Thomas Donnelly vom American Enterprise Institute empfehlen, die Europäer ganz beiseite zu lassen.


Brzezinski: Ich halte die Idee einer freiwilligen Trennung Amerikas von Europa, egal ob Amerikaner oder Europäer sie befürworten, für eine Form von Wahnsinn. Das Ergebnis wären mehr globale Unruhen und Schwierigkeiten. Kurzfristig wahrscheinlich mehr für Amerika als für Europa, aber langfristig vermutlich mehr für Europa als für Amerika.

STANDARD: Wie könnten die amerikanisch-europäischen Beziehungen gestärkt werden?


Brzezinski: Die dringlichsten Fragen, in denen Uneinigkeit und Argwohn bestehen, berühren den Nahen Osten. Dazu gehören der israelisch-palästinensische Konflikt, der Irakkrieg und der Iran mit seinem Nuklearprogramm. Wenn die USA und die Europäer in diesen Fragen eine gemeinsame Politik definieren und zusammen die Lasten einer solchen Politik übernehmen, dann wird sich die Kluft zwischen Europa und Amerika entscheidend verringern.

STANDARD: Bei welchen Fragen existieren schon Zeichen einer echten Partnerschaft?


Brzezinski: Es gibt eine Partnerschaft, die sich aus der bestehenden Allianz ableitet. Zudem haben wir bei der Modernisierung der Nato, bei der Bewältigung der Tsunami-Katastrophe und während der Krise in der Ukraine gut zusammengearbeitet.

STANDARD: Wie würden Sie einen gemeinsamen Zweck formulieren, der Amerika und Europa vereinen könnte?


Brzezinski: Ein gemeinsamer Zweck müsste darin bestehen, eine gerechtere und stabile Welt schaffen zu wollen. Es ist dabei aber nicht möglich, die globale Komplexität auf ein einziges Wort, "Freiheit", oder die globale Herausforderung auf ein einziges Symptom, nämlich den Terrorismus, zu reduzieren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.2.2005)

Zur Person
Zbigniew K. Brzezinski war von 1977 bis 1981 nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und ist nun Berater am Center for Strategic and International Studies und Professor an der Johns Hopkins University. Monika Jung-Mounib arbeitet als freie Journalistin in der Schweiz.
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