Großbritannien: Massen-Gassi-Gehen

21. Februar 2005, 19:55
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Ab heute gilt das Fuchsjagdverbot - viele gehen trotzdem jagen - mit Kopf des Tages

Otis Ferry will Widerstand leisten, koste es, was es wolle, selbst wenn er dafür hinter Gitter muss. Sonderlich edel ist die Sache, für die er kämpft, nicht. Auf dem Spiel steht das uralte Privileg des englischen Landadels, hoch zu Ross, in rotem Rock, eine Hundemeute zu dirigieren, die Füchse zu Tode hetzt. „Ich werde weiterjagen“, schwört der 22-Jährige, „diese Saison und auch die nächste – immer weiter, ganz normal, so wie bisher“.

Jetzt steht Ferry aber auf Kriegsfuß mit dem Gesetz, wenn er, der jüngste Hundemeister des Königreichs, seine heulende Meute ins Unterholz treibt. Vor fünf Monaten hatte das Parlament zu Westminster ein Verbot der Fuchsjagd beschlossen, das am 18. Februar in Kraft treten sollte.

Rebell im Unterhaus

Eine Kleinigkeit, die Ferry junior nicht groß stört. Im Gegenteil, der Sohn des Rockstars Bryan Ferry genießt es geradezu, der Pin-up-Boy der Girls vom Lande zu sein, der smarte Rebell aus dem Pferdestall, den sie alle anhimmeln dürfen. Seinen Ruf begründete er durch eine Blitzaktion im Londoner Unterhaus. Als die Abgeordneten übers Füchsejagen stritten, rannte der schlaksige Blonde mit ein paar Kumpanen in die illustre Kammer; schreiend und wild gestikulierend. Saaldiener im Frack stürzten herbei, einer ging bei der Rangelei zu Boden. Otis Ferry wurde abgeführt und nach einer Nacht freigelassen.

Seitdem ist er berühmt. Im September, als er fette Schlagzeilen machte, sah es noch so aus, als wollte die Landlobby ganz Großbritannien lahm legen. 50.000 erboste Anhänger der blutigen Hatz kündigten an, den Willen des Parlaments zu ignorieren, notfalls sogar ins Gefängnis zu gehen. Man fühlte sich diskriminiert, verfolgt von klassenkämpferischen Altlinken in Tony Blairs Labour-Partei, die angeblich nur darauf aus waren, der verhassten „Upper Class“ mal so richtig eins auszuwischen.

Verbot „aussitzen“

Mittlerweile aber hat sich die Countryside Alliance, eine straff organisierte Pro-Jagd-- Initiative, eines Besseren besonnen, anders als der Sturschädel Otis Ferry. Sie will, wie jetzt am Wochenende, nur zu friedlichen Demonstrationen blasen und das Verbot ansonsten einfach „aussitzen“.

„Wir werden die Struktur des Jagens legal am Leben erhalten, bis der Bann wieder fällt“, sagt ihr Direktor, Simon Hart. „Dieses Gesetz kann ja gar nicht funktionieren.“ In einem dicken Handbuch listet die Allianz bis ins kleinste Detail auf, was die 250 Jagdgesellschaften zu tun haben, um der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Zum Beispiel einfach „zum Üben“ mit ihren Hunden ausreiten. Wer kann denn schon nachweisen, dass die Rotröcke Füchsen nachstellen? Solange sie nicht absichtlich jagen, brechen sie kein Gesetz. Und was Absicht ist und was nicht, wer soll das klären?

Kaum Kontrolle

Die Vorstellung, dass Bobbys zu Pferde samstags über stachlige Hecken springen, auf dass sie die Weidmänner jederzeit im Visier haben – sie erscheint auch Tony Blairs Regierung absurd. Der neue Innenminister, Charles Clarkehat, hat bereits eingeräumt, dass er der Kontrolle des Verbots nur geringen Stellenwert einräumen wird. „Wenn Sie sich anschauen, womit sich die Polizei vorrangig beschäftigen muss – Drogen, Menschenhandel und andere Verbrechen – dann glaube ich nicht, dass die Fuchsjagd auf irgendeiner Polizeiwache ganz oben auf der Liste steht“, erläuterte er der Presse.

Wo der Staat müde abwinkt, gedenken Bürgervereine Flagge zu zeigen. Tierschützer, die das Aus für den „Blutsport“ als historischen Sieg feiern, wollen selbst überwachen, dass keiner gegen die Regeln verstößt. Die Liga gegen brutale Sportarten zum Beispiel plant eine Großaktion, die sie mit Sinn für Publicity genauso nennt wie eine beliebte Fernsehsendung – „Crimewatch“, die britische Variante von „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“. (Frank Herrmann, DER STANDARD Printausgabe, 18.02.2005)

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