Körper ist teuer heutzutage, im Gegensatz zu Geist...

23. Februar 2005, 21:43
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Ein kleiner Scherz, diese Briefmarke, denn eigentlich geht es heute um echte Werte. Um Familie. Vater, Kinder sowie deren zwei Patenonkels aus Berlin. Und alle wollen in den Semesterferien Ski fahren. Ich hab nichts gegen Sport, schließlich ist er eine wunderbare Geldumverteilungsmaschine, und junge Menschen können sich dieser Herausforderung nicht früh genug stellen. Außerdem mag ich Schnee. Wer sich im Sommer gern im Wasser tummelt, hat auch Sympathie für dessen gefrostetes Alter Ego. Sonst schätze ich eher virtuelle Bewerbe, Kartenspielen oder sexuell motivierte Wortgefechte. Da braucht man kein aufwändiges Equipment. Körper ist nämlich sehr teuer heutzutage, im Gegensatz zu Geist, den man überall nachgeschmissen bekommt. Aber zum Skifahren muss man sich ins Zentrum des angewandten Materialismus begeben, zum Beispiel ins gastfreundliche Tirol. Wo man Fremde lieb hat und auch der hohe piefkenesische Anteil der unsrigen Partie kaum mehr gaffende Kinder auf die Straße lockt. Und da sind wir auch schon. Gegenüber vom Hotel wartet schon eine alte Bekannte - die R-Bank. Wenn das kein Zufall ist! Hallo, Nachbarin, grüße ich gut gelaunt hinüber. Man ahnt ja dort nicht, dass ich demnächst einen Herren namens Eisen ehelichen werde. Mit dem so erworbenen Doppelnamen mach ich dann kräftig Mulatschag. Als Bankerbin. In Aspen, Colorado.

Die Berliner erzählen, dass amerikanische Skiorte alle börsennotiert sind - solch Gewinn bringende Unternehmen sind das. Aber unser Ferienort kann da echt mithalten - er besteht ausschließlich aus Hotels und Marketingkonzepten. Eines davon heißt "frühes Ikea". Man wird überall geduzt, und überall gibt es sehr viel Holz im Urzustand. Ein anderes Konzept heißt Frühstücksbuffet. Man muss beim Frühstücken gut zwölfmal aufspringen, weil man das Ei oder Butter oder Kaffee vergessen hat. Sechs Personen springen 72-mal auf. Das nennt sich "iss dich fit". Nur weil ein findiger Marketing-Consultant dem Hotelier empfohlen hat, das Servicepersonal morgens in den Wellnessbereich zu schicken - das Erlebnisbad will bevölkert sein. An dieser Stelle eine kleine Kritik: Warum heißen Pools in Tirol immer Erlebnisbad? Muss ausgerechnet immer an den Wörtern gespart werden? Warum nicht mal Schürzenjäger-Plansch? Oder Zirbelpool? Soll ich mich vielleicht als Text-Consultant andienen? Die Tiroler scheinen ja offen für alles!
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
Zufall@derStandard.at
(Der Standard/rondo/18/02/2005)

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