Vorsicht, Klon! - Gesucht wird die neue Janis Joplin

16. Februar 2005, 18:01
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TV-Tagebuch: Wieder pfuscht das Fernsehen in den Bereich der Talentsuche hinein

Uns, die wir ein gewisses Musikinteresse haben, befällt Sorge. Wieder pfuscht das TV in den Bereich der Talentsuche hinein. Dass man "Starmania"-mäßig versucht hat, Menschen in die Branche zu hieven - unter Umgehung jenes Weges, den ein Neuling zwischen Wohnzimmer, Donauinselfest und Disco gehen muss, um der Öffentlichkeit dann Substanz anzubieten -, wurde mutig ertragen.

Nun aber droht nervlich nicht mehr zu Bändigendes - eine Kloninvasion. Gesucht wird die neue Janis Joplin. Wie bei Castings üblich, soll das TV "Talente" anlocken. Sängerinnen in den USA sind aufgerufen, den Janis-Stil zu imitieren. Der Gewinnerin winkt gleich eine Welttournee. Wie es bei Innovator USA immer der Fall ist, wird das Phänomen sicher auch auf das alte Europa übergreifen. So das Format auch bei uns landet, ist mit Schrecklichem zu rechnen. Der beste Fendrich-, der witzigste Ambros-Imitator. Monatelang auf ORF. Und dann wird der Sieger ja nicht in die Welt geschickt, er bleibt uns tourneemäßig wohl erhalten. Wir rufen alle Elvis-Imitatoren präventiv zum Hungerstreik auf.

Die müssen sich eigentlich übergangen fühlen und als Erste auf die Barrikaden steigen. Es darf nicht zu dieser Selbstentfremdung von womöglich tatsächlichen Talenten kommen. Auch die Originale sollten sich zur Wehr setzen. Droht doch die Gefahr, dass sie in ihren gut trainierten Plagiaten, die womöglich im Dutzend daherkommen (Albtraum Fendrich-Chor!) ihre Meister finden und sich indirekt auch an sich selbst satthören. Das allerdings hätte wieder was. (tos/DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2005)

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