"Der letzte Nachdruck hat gefehlt"

4. Juli 2005, 11:26
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Sind Gesamt- und Ganztagsschule perfekte Systeme für Österreich? Experte Werner Specht erläutert Vor- und Nachteile

STANDARD: Wo hapert es im österreichischen Schulsystem?

Werner Specht: Die Hauptprobleme sind durch die letzten zwei Pisa-Studien aufgezeigt worden: Schwächere Schüler werden zu wenig gefördert, viele verlassen ohne hinreichende Grundkompetenzen die Schule. Außerdem haben wir zu große Unterschiede im Bezug auf Qualität und es gibt Ungerechtigkeiten in der Leistungsbeurteilung.

STANDARD: Warum sieht man erst jetzt Handlungsbedarf?

Specht: Die Studien zeigten, dass wir nicht so gut sind, wie wir in der Vergangenheit gedacht haben. Es gibt viele Konzepte, aber der letzte Nachdruck hat gefehlt.

STANDARD: Kann man etwas von den Systemen anderer Ländern übernehmen?

Specht: Man kann nicht sagen: "Wir müssen das so machen wie Finnland, Norwegen oder Schweden und dann ist bei uns alles gut." Sondern wir müssen genau schauen, welche Elemente wir übernehmen können, die in unser Schulwesen hineinpassen.

STANDARD: Würde die Gesamtschule zu einer Bildungsverbesserung beitragen?

Specht: Sozial benachteiligte Schüler, die von den Eltern nicht automatisch ins Gymnasium geschickt werden, aber gute Schulleistungen haben, wären in einer Gesamtschule sicher besser aufgehoben.

STANDARD: Zur Ganztagsschule: Welche sozialen Auswirkungen hätte so eine Schulform?

Specht: Für viele Familien wäre das positiv. Die Kinder haben sehr häufig keine strukturierte Betreuung, wenn ihre Eltern am Nachmittag arbeiten. Ich selbst fände es schade, wenn meine Kinder den ganzen Tag weg wären.

STANDARD: Wer sollte Ihrer Meinung nach die Kosten tragen?

Specht: Ich finde es problematisch, dass jeder, der eine Ganztagsschule will, sie auch selber bezahlen soll. Der Staat sollte die Kosten dafür tragen.

STANDARD: Sollte man bei einer Reform die soziale Kompetenz der Schüler fördern? Specht: Im Moment wird viel von Fachkompetenzen geredet und zu wenig über soziale Kompetenzen. Im Zentrum der Schule steht die Vermittlung von Fachkompetenzen, aber es ist wichtig, dass Schule gemeinsames, soziales Leben beinhaltet. Das muss auf dem anderen aufbauen.  (DER STANDARD-Printausgabe, 15.2.2005)

ZUR PERSON:

Werner Specht (geb. 1947 in Radolfzell/D) ist Leiter der Abteilung Evaluation und Schulforschung am Zentrum für Schulentwicklung in Graz
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