Irak-Wahlen: Gratulationen und Kritik

15. Februar 2005, 21:06
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Nach dem Sieg für die schiitische Liste beanstandet Ankara "Manipulationen" - Chalabi will regieren

Bagdad/Washington - Einer der ersten Gratulanten nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Irak-Wahlen vom 30. Jänner hieß erwartungsgemäß George W. Bush. "Ich beglückwünsche das irakische Volk dazu, dass es den Terrordrohungen getrotzt und sein Land auf den Pfad der Demokratie und Freiheit gebracht hat", erklärte der US-Präsident und strich die Rolle hervor, die die USA beim Zustandekommen der Wahl gespielt hätten.

Auch die EU gratulierte. Das Wahlergebnis sei ein weiterer Schritt des Übergangs im Irak, erklärte EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner.

Wahlsieger ist die von Großayatollah Ali al-Sistani unterstützte schiitische Liste. Die Vereinigte Irakische Allianz erhielt 48 Prozent der Stimmen und stellt künftig voraussichtlich 140 der 275 Abgeordneten in der Nationalversammlung. Damit wird die jahrzehntelang unterdrückte Bevölkerungsmehrheit zur stärksten Kraft. Auf Platz zwei kam die Kurdische Allianz mit 26 Prozent oder 75 Sitzen.

Drittstärkste Kraft wurde die Irakische Liste des von den USA unterstützten amtierenden Premiers Iyad Allawi, die nur 14 Prozent bekam und 40 Abgeordnete entsenden wird. Der ehemals von Washington unterstützte Schiitenpolitiker Ahmed Chalabi hat indes in einem CNN-Interview seinen Anspruch auf das Amt des Regierungschefs angemeldet.

Die Türkei hat mit deutlicher Kritik reagiert. Das Kräfteverhältnis im künftigen Übergangsparlament spiegle nicht den "tatsächlichen Anteil der verschiedenen Gesellschaftsschichten" im Irak wider, urteilte das Außenministerium in Ankara. Und es prangerte "Manipulationen" an, die "in bestimmten Regionen" - namentlich wurde die Erdölstadt Kirkuk im Kurdengebiet genannt - zu "Ungleichgewichten" geführt hätten. Die Türkei möchte verhindern, dass die irakischen Kurden die Unabhängigkeit erlangen.

In Iran wurde der Sieg der Schiiten im Irak als eine längst fällige Vernunftentscheidung begrüßt. "Mit dieser Entscheidung ist unmissverständlich klar, dass die Tage der Besetzer im Irak gezählt sind", schreibt die Zeitung Hamshari. Die ebenfalls konservative Zeitung Jomhouri Islami, die die Meinung des schiitischen Klerus wiedergibt, schreibt, dass nun alle säkularen Gruppen im Irak ins Abseits manövriert worden seien. Die liberale Presse sieht dagegen einen Sieg der Demokratie. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2005)

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    Abdul Al-Hakim, Chef der Schiitenallianz, vergießt Freudentränen.

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