Der Spaß, für sich selbst zu entwerfen

21. Februar 2005, 13:42
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Donald A. Norman ist führender Experte in Sachen "Brauchbarkeit" - Im STANDARD-Gespräch beurteilt er die Chancen von emotionalem Design

Donald A. Norman ist führender Experte in Sachen "Brauchbarkeit" von Design. Im Gespräch mit Michael Freund beurteilt er die Chancen von emotional funktionierenden Entwürfen, kritisiert das Gros der Hightechbranche und sagt, wer zu seinen liebsten Beratungskunden zählt.

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STANDARD: Mr. Norman, Sie plädieren seit vielen Jahren für ein Design, das "emotionale Komponenten" berücksichtigt. Wo sehen Sie Fortschritte, wo fehlt's am meisten?
Norman: Die Automobilindustrie hat die Bedeutung von "emotionalem Design" immer schon verstanden, es gehört zu ihrem Vokabular. Bei Küchengeräten geschieht Ähnliches. Natürlich ist Styling nur ein kleiner Teil des Designs, und nur weil etwas schön aussieht, wird es deswegen nicht zum gut entworfenen Produkt. Viele Designer kritisieren etwa Alessi genau dafür: dass es außen lieb und herzig ist, aber nicht viel Tiefe hat.

Heute berücksichtigen Designer in vielen Branchen sowohl den emotionalen Appeal einer Produkterfahrung wie auch die Qualität der Interaktion, die Verständlichkeit des Produkts. Sogar Waschmaschinen zeigen langsam Stil und Substanz.

Die letzte Branche, die das noch nicht versteht, scheint die Hightechindustrie zu sein. Computerhersteller haben's einfach nicht drauf - Handyproduzenten schon eher, und Flachbildschirmerzeuger machen's ganz gut. Die große Ausnahme in der Computerbranche ist natürlich Apple. Ich verstehe aber nicht, wieso Apple keine Konkurrenz in der Windows-Welt hat.

In Europa würde ich übrigens Philips zu den Unternehmen zählen, die die Rolle von Design verstehen.

STANDARD: Was halten Sie speziell von der Arbeit des Apple-Chefdesigners Jonathan Ive?
Norman: Jonathan ist ein Freund von mir. Seine Arbeit wurde von den früheren Firmenchefs grob ignoriert. (Der jetzige CEO, Anm.) Steve Jobs hat ihn daraus befreit und ihm ermöglicht, die neue Produktgeneration zu gestalten.

STANDARD: Sie zitieren Forschung, die belegt, dass die emotionale Freude an einem Gerät dessen Funktionalität erhöht, dass Leute mit ihnen tatsächlich erfolgreicher arbeiten (als mit einem technisch identischen, aber weniger "sympathischen" Gerät). Wo sehen Sie das am überzeugendsten?
Norman: Im negativen Sinn: wieder beim Computer. Der Stress, die Furcht, die Frustration, die durch dieses Biest erzeugt werden, verhindern Produktivität oder eine Zufriedenheit mit dem Erreichten. Gut durchdachte, gut entworfene Autos sind positive Beispiele. Wenn ich meinen Wagen, einen Porsche 911, fahre, bringt mich das immer in bessere Stimmung.

STANDARD: Sie waren Vizepräsident für den Bereich Forschung bei Apple und gingen dann zu Hewlett-Packard. Konnten Sie dort etwas erreichen?
Norman: Ich wurde bei HP von einer Gruppe freundlicher Leute sehr gut behandelt, doch ich konnte null bewirken. Nach einem Jahr der Langeweile ging ich schließlich. HP hat aber immerhin jetzt einige brillante Produkte herausgebracht, zum Beispiel den durchsichtigen vertikalen Scanner. Auch ihre neuen Drucker sind nett, oder die Direktverbindung von Kamera zu Drucker. Solche Sachen wollte ich dort einführen, war wohl meiner Zeit voraus.

STANDARD: Welche Kunden haben Sie in Ihrem Unternehmen, der Nielsen Norman Group?
Norman: Jakob Nielsen arbeitet vor allem an Websites, ich mit einer breiteren Palette von Unternehmen, von Dienstleistungen für Ältere über Tierfutter und Roboter bis Wohnungseinrichtung (Auswahl und Kauf, nicht Design). Ich möchte mich von Hightech und traditioneller Hardware wegbewegen, und das gelingt mir auch.

STANDARD: "Wir sind alle Designer", lautet einer Ihrer wichtigsten Sätze. Trifft der auch auf Sie selbst zu?
Norman: Ich bin kein professioneller Designer, sondern Theoretiker und Designkonsulent. Doch ich bin sehr glücklich über mehrere Eigenheime, die ich für uns entworfen habe, und über zwei praktische, funktionale, emotional erfreuliche Küchen. Es macht Spaß, für sich selbst zu entwerfen. Erstens kenne ich den Kunden gut. Zweitens habe ich die komplette Kontrolle (was im normalen Geschäft nie vorkommt). Und drittens kann ich meine Meinung zum Entwurf ändern. Sogar sehr oft. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Das Interview führte Michael Freund.
  • Computer-Professor und Usability-Konsulent Donald A. Norman schätzt die Verständlichkeit von Produkten.
    foto: standard/donald a. norman

    Computer-Professor und Usability-Konsulent Donald A. Norman schätzt die Verständlichkeit von Produkten.

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