Druck Chinas auf Nordkorea

15. Februar 2005, 07:03
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Brüskiertes Peking will "Schützling" an Verhandlungstisch zurückholen

China will Nordkorea so rasch wie möglich wieder an den Tisch der Sechs-Länder-Gespräche zur Beilegung des Atomstreits zurückholen. Außenminister Li Zhaoxing versicherte seiner US-Amtskollegin Condoleezza Rice, dass sein Land alle Wege und Kanäle dafür nutzen werde. "Wir wollen wieder in eine positive Lage und so früh wie möglich zur nächsten Verhandlungsrunde kommen", sagte Li in einem Telefonat mit Rice am Wochenende: "China tritt für eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel ein."

Unberechenbar

Pjöngjang hatte sich vergangene Woche erstmals öffentlich gebrüstet, Atomwaffen zu besitzen, und zugleich seinen Ausstieg aus den von China seit 2003 moderierten Gesprächen "auf unbestimmte Zeit" verkündet. Damit blieb der stalinistisch regierte Staat seinem Ruf treu, unberechenbar zu sein. Er brüskierte erneut Peking als Gastgeber der Verhandlungen. Nordkorea hatte bereits im Herbst eine Zusage zur Runde vier der Gespräche nicht eingehalten.

In den USA und in Japan, wo neben der atomaren Bedrohung auch die ungelösten Fälle von zehn einst nach Nordkorea verschleppten Landsleuten innenpolitisch für böses Blut sorgen, fragen immer mehr Kritiker, ob Peking auf Pjöngjang Einfluss nehmen kann. Sie fordern, Nordkoreas Bedrohung vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen und internationale Sanktionen zu verlangen. Damit würden die Sechs-Parteien-Gespräche den Sinn verlieren. Ihr Scheitern wäre auch ein außenpolitischer Gesichtsverlust für Peking und dessen Anspruch, regionalpolitische Verantwortung zu übernehmen.

Mit seinem Handelsaustausch, Nahrungsmittel- und Energiehilfen und seiner Verfolgung und Auslieferung nordkoreanischer Flüchtlinge hilft China dem Regime Kim Yong-il zu überleben. Nun gerät Peking unter Druck, aktiver zu werden. Das Telefonat von Außenminister Li mit Frau Rice Samstagnacht, mitten im chinesischen Frühlingsfest, zeigt, dass die Krisenbewältigung jetzt auch auf Pekings Tagesordnung steht. China schickt kommende Woche seinen obersten Funktionär für Parteibeziehungen, Minister Wang Jiarui, nach Pjöngjang. Chinas Sonntagszeitungen stellten heraus, dass die Vereinten Nationen zum Handeln aufrufen. Die UN werteten die Suspendierung der Gespräche durch Nordkorea nicht als Beendigung. Sie seien nur eine Unterbrechung.

Nordkoreanische Zeitungen attackierten unterdessen die "feindseligen USA", die sich weigerten, bilaterale Verhandlungen aufzunehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.02.2005)

Von
Johnny Erling aus Peking
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Südkoreanische Soldaten nahe der demilitarisierten Zone bei Panmunjom. Nordkorea setzte am Wochenende seine Verbalattacken gegen die USA fort.

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