"Es ist ja keiner umgebracht worden"

18. Februar 2005, 16:19
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Der deutsche Wettskandal sorgt auch in heimischer Branche für Unruhe - Die Glücks­spieler sehen die Sache gelassener

"Was mich am Wettskandal aufregt? Dass ich nichts davon gewusst habe." Herr Edi, so will er genannt werden, hat wenig Mitleid mit den Buchmachern, während er Donnerstagabend im "Cashpoint" im Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus an einem der runden Tische sitzt. "Was soll's? Es ist ja keiner umgebracht worden, und die Buchmacher haben so viel Geld, denen tut's nicht weh."

Herr Edi kennt sich aus, hat er doch selbst immer wieder bei Wettfirmen gearbeitet. Auch derzeit ist sein Beruf das Annehmen der Einsätze, allerdings bei der Konkurrenz. Bei Cashpoint ist er als Gast, auf das Eishockey-Spiel Österreich gegen Kasachstan hat er gerade "40 Euro auf unter 5,5" gesetzt. Wenn in dem Match nicht mehr als fünf Tore fallen, gewinnt er 20 Euro.

1500 Euro setzt er im Monat um, erzählt der Brillenträger. "Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man", gibt er sich realistisch. Manchmal gewinnt man aber auch ziemlich sicher. "Vor einiger Zeit hat einmal ein Kunde angerufen, von dem ich ein Jahr nichts gehört habe. Es ging um ein Tennismatch, Kafelnikov gegen einen 4:1-Außenseiter." Der Anrufer wollte 800 Euro auf den Außenseiter setzten, Herr Edi nahm nach Rücksprache mit seinem Vorgesetzten die Wette an - und setzte selber sofort telefonisch bei einem anderen Buchmacher 200 Euro gegen Kafelnikov. "Wenn einer nach einem Jahr wieder anruft, dann weiß er etwas, was ich nicht weiß."

Informationen sind das Um und Auf im Geschäft. Er selbst holt sie sich aus dem Internet - Mannschaftsaufstellungen, Verletzungen, Gerüchte. Wirkliche Profis haben naturgemäß noch bessere Quellen. Die meisten Spieler sind aber arme Hunde, ist sich Herr Edi sicher. "Die sparen beim Essen und hoffen, dass sie einmal tausend Euro gewinnen."

Auch die Besucher der Wettbüros sind nicht begütert, weiß der Brancheninsider. Er deutet in die Runde - zehn Männer, keiner spricht Deutsch, sitzen in dem Ecklokal, in dem neben den Monitoren mit den Quoten und Liveübertragungen nur ein Getränkeautomat steht. "Haben Sie von denen heute einen wetten gesehen? Die sitzen nur zum Aufwärmen und Plaudern da." Manchmal würden sie für ein paar Euro von Zockern angeworben werden, die hohe Einsätze in mehren Filialen tätigen wollen und dabei anonym bleiben wollen.

Mit ein paar Euro mehr geht gegen 21.30 Uhr auch Herr Edi aus dem Lokal. Österreich hat Kasachstan 4:0 besiegt - die "unter 5,5" sind aufgegangen. (Michael Möseneder - DER STANDARD PRINTAUSGABE 12./13. 2005)

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    Die Wettbüros sind die Hauptverlierer des deutschen Skandals. Profispieler ärgern sich höchstens darüber, nicht vorher etwas von den Absprachen der mutmaßlichen Betrüger erfahren zu haben.

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