Kurdischer Faktor

25. Februar 2005, 19:17
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Die Proklamierung eines unabhängigen Kurdistan wäre wohl der Startschuss für den Zerfall des Irak - Von Markus Bernath

Als die Kurden im Irak vor einer Woche zur Wahl schritten, hielten sie neben den Stimmzetteln für Nationalversammlung und Regionalräte noch eine Karte der besonderen Art in der Hand: "Was willst du?", stand auf der Stimmkarte der "Kurdistan-Referendum-Bewegung", und eine irakische oder eine kurdische Flagge war anzukreuzen. Einige Wähler nahmen sich gleich mehrere Karten, berichteten Wahlbeobachter, selbst Kinder machten ein Kreuz - es war die Abstimmung, die nicht sein durfte; ein nicht bindendes Referendum über die Frage der Unabhängigkeit, die die Führer des irakischen Kurdistan, Massud Barsani und Jalal Talabani, aus politischer Vernunft nicht offen aussprechen wollen.

Die Proklamierung eines unabhängigen Kurdistan wäre wohl der Startschuss für den Zerfall des Irak. Der erdölreiche, vergleichsweise ruhige und politisch seit mehr als einem Jahrzehnt selbst verwaltete Norden des Landes hat derzeit die noch vielleicht besten Entwicklungschancen im Irak. Gerade deshalb aber wollen die kurdischen Führer nichts riskieren und im Verbund der Republik bleiben. "Maximale Autonomie" heißt ihr Kurs. Barsani will die Regierung dieses neuen autonomen Kurdistans übernehmen, Talabani hat bereits seinen Anspruch auf das Präsidentenamt in Bagdad angemeldet, wo ein Schiite den - wichtigeren - Posten des Premiers bekleiden wird.

Die "Arbeitsteilung" der beiden Kurdenführer soll die politische Verankerung im Zentralstaat garantieren und gleichzeitig neue innerkurdische Kämpfe verhindern. Selbst Ankara, das panisch die politische Emanzipation im Nordirak verfolgt und dabei mit Misstrauen die kurdische Bevölkerung im eigenen Land beobachtet, könnte mit einer solchen Lösung leben, würde man meinen. Nun sollen die USA verhindern, was Ankara als Symbol für den kurdischen Sieg fürchtet - die Macht über die Ölstadt Kirkuk, sind die Irak-Wahlen erst einmal entschieden. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 2.2005)

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