Nigerianer in Stein verstorben: Öllinger kritisiert Gutachten

1. Februar 2005, 19:47
13 Postings

Auch Tränengaseinsatz fragwürdig - Abgeordneter verlangt unabhängige Untersuchung

Im vergangenen August kam es in der Justizanstalt Stein in Niederösterreich zu einem tödlichen Zwischenfall. Nach einem "Tobsuchtsanfall" verstarb ein 37-jähriger Nigerianer. Laut Gutachten, das der nun abgesetzte Chef der Wiener Gerichtsmedizin, Manfred Hochmeister, durchführte, ist der Tod durch ein multifaktoriell ausgelöstes Herzversagen eingetreten. Scharfe Kritik an diesem Gutachten, an Hochmeister und am Einsatz des Tränengases gab es heute, Dienstag, bei einer Pressekonferenz in Wien von Seiten des stellvertretenden Klubobmann der Grünen, Karl Öllinger.

Laut Justizministerium soll der Gefangene, der noch bis Februar 2005 eine Haftstrafe wegen eines Drogendeliktes verbüßt hätte, mit einem Brotmesser auf andere Insassen und Justizwachebeamte losgegangen sein. Weil auch der Einsatz von Tränengas und Pfefferspray nichts half, wurde er von den Beamten festgehalten. Die Anstaltsärztin verabreichte ihm eine Beruhigungsspritze. Kurze Zeit später trat bei dem Mann ein Herz-Kreislauf-Stillstand ein, er starb. Im gerichtsmedizinischen Gutachten Hochmeisters war die stressbedingte Belastung des Herzens auf Grund der psychischen Erregungszustandes und die durch selbst zugefügten Verletzungen entstandenen "Fetteinschwämmungen der Lunge" (Lungenembolie, Anm.) für den Herzstillstand verantwortlich.

"Gutachten letztklassig"

Öllinger bezeichnete die Vorgehensweise des Gutachters mehr als fragwürdig. Es gebe viele Widersprüche, die geklärt werden müssen. "Ich halte das Gutachten für letztklassig", meinte Öllinger.

So beschrieb der Gutachter laut Aufzeichnungen Öllingers, dass weder über einen Hautabrieb noch über die Lungenluft, noch über mikroskopische Untersuchungen der Lunge Tränengas festgestellt werden konnte. Dahingehend formulierte Hochmeister jedoch: "Die im Lungengewebe festgestellten herdförmigen Blutaustritte sind auf eine gewisse Reizwirkung des Tränengases (...) zurückzuführen." Auch hält der Gutachter fest, dass die Zelle nach dem Vorfall wegen der noch immer vorhandenen Tränengasrückstände nicht inspiziert werden konnte. Hochmeister und das Justizministerium schließen nach Angaben Öllingers aber jede todesursächliche Wirkung des Tränengases "mit Sicherheit" aus.

Tränengaseinsatz fragwürdig

Für den Einsatz wurde das Tränengasmittel Chloracetophenon (CN) verwendet. Laut dem Grünen Abgeordneten gibt es in der toxikologischen und forensischen Literatur genügend Berichte, die feststellen, dass der Einsatz von CN-Gas in geschlossenen Räumen tödlich sein bzw. zu hämorrhagischen Lungenödemen führen kann. So seien die ödematischen Veränderungen der Lunge nicht "auf eine gewisse Reizwirkung" von Tränengas zurückzuführen, sondern auf eine massive Schädigung, meinte Öllinger.

Widersprüchlich sei für den stellvertretenden Klubobmann auch manche Beschreibungen der Verletzungen. So werde u.a. über Blutunterlaufungen am Kopf geschrieben. Wenig später heißt es jedoch. "Es konnten aber keinerlei Verletzungen am Kopf, im Gesicht, im Mundbereich (...) festgestellt werden, die Hinweise auf eine allfällige Misshandlung liefern würden." Auch gab der Gutachter nicht den Grad der Fettembolie an. Ein deutscher Experte erzählte Öllinger, dass dies eigentlich "state of the art" sei.

Öllinger verlangt unabhängige Untersuchung

Dass der Gefangene nicht auf das Tränengas reagiert habe, ist laut dem Grünen Abgeordneten nicht verwunderlich. Menschen, die ein Leber- oder Niederleiden oder HIV-positiv seien würden nicht die typischen Symptome - wie Tränen der Augen - zeigen. Der Nigerianer war HIV-positiv.

Öllinger verlangt nun, dass der Akt zu dem Vorfall von einer unabhängigen Kommission oder Gericht geprüft wird. Zudem soll der Tod des Nigerianers von einem - eventuell ausländischen - Gutachter neu untersucht werden. Eine dementsprechende Anfrage an Justizministerin Karin Miklautsch (F) in den kommenden Tagen einbringen. Öllinger forderte auch, dass der Einsatz von CN-Gas durch die Justizwache eingestellt wird. (APA)

Share if you care.