Sansibar: Schatten im Paradies

31. Jänner 2005, 17:46
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Die ostafrikanische Gewürzinsel strebt nach größerer Unabhängigkeit von Tansania - Das größte Problem: Der aufkeimende Islamismus

Louis Armstrong sang für sich selbst und ein paar gelangweilte Kellner, die auf Gäste warten, die nicht mehr kommen. Naila Juddair, Besitzerin des Palm Beach Inn an der Ostküste Sansibars, ist eine von vielen, die die Flaute im Tourismus die Existenz kosten könnte: "Jetzt, im Winter, ist normalerweise Hochsaison. Ich habe gerade zwei Gäste. Wie soll das weitergehen?" Seit 2003 raten die USA, Australien und verschiedene europäische Staaten vor Reisen nach Sansibar ab.

Ihre Terrorwarnungen werden offenbar ernst genommen. Noch 2002 kamen wöchentlich allein aus Italien fast tausend Chartertouristen, etwa 100.000 UrlauberInnen jährlich machten den früheren arabischen Handelsknoten zum Zugpferd des tansanischen Tourismus. Mittlerweile sind die Einnahmen aus dem Reiseverkehr – etwa 90 Mio. US-Dollar jährlich – um ein Drittel gesunken, rund 1.000 Arbeitsplätze direkt verloren gegangen. Hinzu kommt der Rückgang beim Export von Gewürznelken, Jahrhunderte lang eine der wichtigsten Einnahmequellen der Insel.

Das einstige omanische Sultanat Sansibar bildet seit über 40 Jahren mit dem damaligen Tanganjika die Vereinigte Republik von Tansania. Eine gewaltsame Revolution brachte 1964 die arabische Elite auf Sansibar um Hab und Gut. Der Sultan der ehemaligen britischen Kolonie flüchtete nach England. Ihm folgte Abeid Karume an die Macht, der zum Missfallen der tansanischen Regierung unter Julius Nyerere in den folgenden Jahren seine eigene Version des "afrikanischen Sozialismus" verfolgte.

Mehr als mit Grafitti beschmierte Plattenbauten rund um die "Stonetown", den Altstadt-Kern der Hauptstadt Zanzibar City, ist davon nicht geblieben. Diese Stonetown, ein dunkles Labyrinth enger Gässchen, ist mittlerweile Weltkulturerbe. Dutzende Souvenirshops ringen um die paar TouristInnen, die über Tausendundeinen Irrweg auf den Nachtmarkt an der Promenade zusteuern, vorbei an all den KeilerInnen für billige Gästezimmer, Gewürztouren und angebliche Maasai-Bilder, die alle gleich aussehen. Ahmada Khatib, Direktorin der Tourismuskommission von Sansibar, zeichnet ein düsteres Bild: "Alle Teile der Wirtschaft sind betroffen, nicht nur Hotels, Souvenirshops und Reiseführer. Auch die Fischer können nichts mehr verkaufen."

Die erfolgreiche Reformpolitik seit 1992 brachte die Unionsrepublik Tansania unter die Top-10-Regionen Afrikas für Auslandsinvestitionen und machte das Land zum Liebkind des Internationalen Währungsfonds (IWF), der "substanzielle Fortschritte in makroökonomischer Hinsicht" konzediert. Sansibar verspürt wenig vom Aufschwung am Festland. Aus allen Wahlen, die seit der Einführung des Mehrparteiensystems 1992 abgehalten wurden, ging die frühere Einheitspartei Chama cha Mapinduzi (CCM) als Siegerin hervor.

Die oppositionelle Civic United Front (CUF), deren AnhängerInnen vor allem auf den Inseln Sansibar und Pemba zuhause sind, warf der Regierungspartei bei den letzten beiden Parlamentswahlen 1995 und 2000 massiven Wahlbetrug vor. Im Jahr 2000 eskalierten die Auseinandersetzungen, Hunderte CUF-AnhängerInnen flüchteten nach Kenia. Die CUF steht für verstärkte Autonomie, einige ihrer VertreterInnen fordern sogar völlige Unabhängigkeit: Mit der bestehenden Teilautonomie gibt man sich vielerorts nicht zufrieden. Sansibar verfügt bereits über eine eigene Verfassung, ein eigenes Kabinett (Revolutionärskammer) und einen eigenen Präsidenten – Amani Karume, Sohn des 1972 ermordeten früheren Präsidenten Abeid Karume und Vorsitzender der pro-republikanischen CCM. Seit Jänner 2004 ist Sansibar sogar eigenständiges Mitglied der Afrikanischen Fußballföderation und steht vor der Aufnahme in die FIFA. Gerade recht, dass das Land zu Jahresende 2004 auch seine erste eigene Flagge präsentiert hat.

Tourismus war ein Jahrzehnt lang die Haupteinnahmequelle der Insel, die ein pittoresker Mix aus Palmen, Meer und arabischem Flair auszeichnet. Investoren aus aller Welt, vor allem Italien, waren rasch zur Stelle, und binnen kurzem waren die attraktiven Grundstücke am Meer in der Hand einiger großer Konsortien, sodass für die BewohnerInnen Sansibars selbst der Zugang zur See schwierig wurde. "Wir Sansibaris leben weiter in Armut, wir haben nicht das Geld, um gute Hotels zu führen", sagt Huda Juma Nassor, die Kinderkleider und Chapati, indisches Fladenbrot, verkauft. Sie ist Mitglied im Zanzibar Fund for Self Reliance, einer Organisation, die arbeitslosen Frauen ermöglicht, selbst gefertigte Produkte zu vermarkten.

Laut Angaben der Internationalen Organisation Action Aid nützt der Tourismus nur ausländischen Investoren und einer Handvoll Einheimischen, die Kluft zwischen Arm und Reich sei enorm gestiegen. Einige Investoren mögen Schulen und Apotheken in den Dörfern finanziert haben, die negative Grundstimmung jedoch blieb. Einzelne Bauern und Fischer – Männer und Frauen – konnten ihre Produkte zu höheren Preisen als bisher verkaufen, was für Unmut unter allen anderen sorgte, die die neuen Preise genauso berappen mussten. Dass mehr und mehr auswärtige Saisonarbeitskräfte in das touristische Wunderland strömten, behagte auch nicht allen. Gruppen rot gewandeter Maasai vom Festland, die einen Lebensunterhalt als touristische Fotomodelle und Wächter verlassener Resorthotels suchen, werden hier ebenso als exotische Fremdkörper empfunden wie knapp bekleidete Italienerinnen.

Sansibar ist eine Männergesellschaft. 97 Prozent der Bevölkerung, rund 420.000 Menschen, sind muslimisch und mit der liberalen Regierungslinie des großen Bruders Tanganjika (Festland-Tansania) nicht immer einverstanden. Seit drei Jahren muss laut Regierungsbeschluss der Koordinator für muslimische Angelegenheiten Staatsbediensteter und damit weisungsgebunden sein. Die darauf folgenden – gewaltsam aufgelösten – Demonstrationen richteten sich auch gegen den wachsenden westlichen Einfluss und gegen die weitere Entwicklung des Tourismus. Dieser bringe nur Alkoholismus und Prostitution.

Die CUF dementierte vehement sämtliche Verbindungen zu den radikalen DemonstrantInnen, die jedoch großteils CUF-Mitglieder waren. 2001 wurde ein Friedensabkommen zwischen den beiden Streitparteien CCM und CUF unterzeichnet. Und in der Sache selbst scheint man nicht uneinig, wie jüngst erste gemeinsame Gesetzesbeschlüsse belegen. Seit April 2004 gelten strenge Strafen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften – 25 Jahre Haft für Männer, sieben für Frauen. Sie sollen das Land "vor zunehmender Akzeptanz eines besorgniserregenden Verhaltens" schützen, das homosexuelle TouristInnen mitbrächten.

Im Kampf gegen die verfemte westliche Dekadenz scheint man zu immer schärferen Mitteln zu greifen. Im muslimischen Fastenmonat Ramadan 2004 wurde UrlauberInnen das Essen und Trinken in der Öffentlichkeit untersagt. Frauen wurde verboten, Miniröcke zu tragen – ausgenommen sind lediglich Innenbereiche von Tourismusanlagen, zumeist bewacht von Maasai-Wächtern mit Schlagstöcken. Die "Löwen Gottes", islamistische Splittergruppen der JUMIKA ("Vereinigung für Erweckung und muslimischen Unterricht"), haben schon einheimische Frauen zusammengeschlagen, die kein Kopftuch und unislamische Kleidung trugen – das offizielle Sansibar zeigte sich distanziert. Dazu kommen jüngst vermehrt Brandanschläge auf katholische Kirchen. Die Furcht vor lokalem Extremismus ist größer als die Angst vor Al Qaida und deren Handlangern. "Wir sind besorgt über wachsenden islamischen Fundamentalismus", lässt Monsignore Julian Kangalawe von der tansanischen Bischofskonferenz keinen Zweifel über die Täter. Naila Juddair wird von einem vollen Haus weiter nur träumen können.

(Aus: SÜDWIND-Magazin 02/2005)

Günter Spreitzhofer ist Geograph in Wien, bereiste kürzlich Ostafrika und verirrt sich immer noch in den Gassen von Sansibar.


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