Dresden Dolls: "Dresden Dolls"

    4. Oktober 2005, 12:14
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    Eine lyrische und rotzige Mischung aus Musik, Kunst und Theater zwischen Brecht und Punk

    Kennen Sie die Filmsequenzen, in denen die Kamera auf den schummrig beleuchteten Nachttisch schwenkt, dort bewegt sich wie von Zauberhand eine Spieluhr, ein fortwährend simpler Akkord im Hintergrund, gespielt von einem metallisch klimpernden, alten Kinderklavier, unheimlich, fünf Takte lang, - vielleicht fünf Kindheitsjahre voll von Träumen und Geschichten und länger ... "you don't want to hear about my good song?" So beginnt diese bemerkenswerte CD, und sie endet mit einer knarrenden Holzbalken-knirschen-am-windschiefen-Dachboden-Stimme: "Amanda, you're telling me a favourite tale."

    "Brechtian Punk Cabaret"

    Dazwischen eine poetische und rotzige Mischung der Extraklasse, die Band selbst nennt es "Brechtian Punk Cabaret". Geschrieben und produziert hat dieses Debütalbum Amanda Palmer, die sich mit Freund und Seelenverwandtem Brian Viglione in eine Welt spielt, die sich nicht besser veranschaulichen lässt, als es auf der Website der Band abgebildet ist. Es ist jene der Puppen und Fratzen, - ein sanfter Druck auf die Abspieltaste, und schon schnellt einem dröhnend die Zunge eines weißgeschminkten Harlekins entgegen.

    Auf rotsamtenen Sofas und im Arm von mondsüchtigen Dandys tauchen Erinnerungen auf: die Morbidität von Nick Cave, Zartheit wie bei Tori Amos, die Lust an der Verkleidung beim frühen David Bowie, transsexuelle Koketterie wie in der Rocky Horror Picture Show, dann subtil eingeflochtene Zitate von den Doors oder Anspielungen auf die Rolling Stones "I see a red jeep and I want it painted black."

    Spätestens das scheinbare Hängen der Abspielnadel in manchen Songs oder das Lebenswirren nahe "I want to / I want you / I want a / I want want to / I want it / I want you" in nicht enden wollenden Wiederholungen, begleitet von wahrlich schrägen dissonanten Akkorden, zieht den Hörer rein in diese Welt voll von windschiefen Klavierphrasen und ekstatischen Schlagzeugsoli.

    Gesang, Klavier, Schlagzeug und die "goldenen Zwanziger"

    Unverkennbar durchdrungen ist jeder Song von The Dresden Dolls vom Geist ihres Idols, dem Komponisten Kurt Weill und dessen morbiden Moritaten und Chansons. Die beiden Musiker teilen seit jeher die Faszination an Kunst und Kultur der "goldenen Zwanziger" in Deutschland.

    Großgeworden sind Palmer und Viglione im Nordosten der USA, im Großraum Bosten, wo die europäischen Wurzeln deutlich zu spüren sind. Amanda lernt Klavier, Brian Schlagzeug, Auslandsaufenthalt in Deutschland, 2002 lernen sie einander kennen und ihre gemeinsamen Musik- und Kunstvorlieben schätzen. Sie beginnen Musik zu machen in der ungewöhnlich schmalen Besetzung mit Gesang, Klavier und Schlagzeug und werden schnell zu Stars der Bostoner Szene.

    Die sechste Nummer der CD "Coin-operated Boy" läuft zwar seit einigen Wochen auch bei uns im Radio und das Erscheinungsdatum liegt schon länger zurück, aber der Kosmos dieser CD ist weitaus größer als dieser popangelehnte Song. Bei der stilistischen Einordnung klemmen die gewöhnlichen Schubladen. The Dresden Dolls selbst schreiben: "Combine the smoky cellars of a Weimar-era cabaret with the rock n’ roll fury of Joan Jett, PJ Harvey and The Violent Femmes and you have a remote idea of what to expect when experiencing The Dresden Dolls."

    Ob man nun lieber Seeräuber Jenny oder Johnny Rotten, Dr. Jekyll oder Mr. Hyde an der Hand nehmen möchte, Vaudeville, Rock oder Punk mal mehr oder weniger schätzt, diese seltsame Mischung aus Musik, Kunst und Theater fesselt und ist eines der außergewöhnlichsten Debütalben der letzten Zeit. (schatz)

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    Dresden Dolls
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      bild: plattencover/lisa lunskaya gordon
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