Ideen und Identitäten

7. Februar 2005, 10:02
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Nach Jahrhunderten des Völkermords haben sich die indigenen Völker Lateinamerikas auf die Suche nach ihrer Geschichte gemacht

Multikulturelle Autonomien: Eine Alternative zum Nationalstaat? Hand in Hand mit der als "Globalisierung" verkleideten, gigantischen Umverteilung von den Armen zu den Reichen dieser Welt fand in den vergangenen 20 Jahren in Lateinamerika und in vielen anderen Ländern der Welt ein bemerkenswerter Wandel der politischen Struktur des Nationalstaates statt, der für viele Politologen bereits einem Paradigmenwechsel gleichkommt: "Der Nationalstaat erscheint nicht mehr als Beschützer einer so genannten ,nationalen Identität', von der aus ein Souverän, das Volk, den Staat und seine Repräsentativorgane mit dem Auftrag versah, Barrieren gegenüber anderen Nationalstaaten im Rahmen eines internationalen Systems zu errichten.

Heute sind die Grundfreiheiten des Kapitalismus (die Handelsfreiheit, die des Kapitaltransfers und der Dienstleistungen) keinen wie immer gearteten Beschränkungen und Kontrollen ausgesetzt; weder innerhalb der einzelnen Nationalstaaten noch durch die internationale Staatengemeinschaft als solche", bekräftigt auch der deutsche Politologe Elmer Altvater.

Kanonenfutter und Stimmvieh

Nur für den relativ geringen indigenen Bevölkerungsanteil Lateinamerikas ist diese Aushöhlung der nationalstaatlichen Identität relativ bedeutungslos. Im Gegenteil: Für die indigenen Völker, die im Laufe ihrer über 500-jährigen Leidensgeschichte abwechselnd als Kanonenfutter oder als Stimmvieh herhalten mussten, ist jetzt die Zeit gekommen, in der sie endlich ihre von den Kolonialherren verschüttete Identität ausleben können.

Nach den Jahrhunderten eines mehr oder minder gezielten Völkermordes haben sich diese, von nicht wenigen totgesagten Völker in den vergangenen beiden Jahrzehnten auf die Suche nach ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Sprache und ihrer eigenen spirituellen Vorstellungswelt begeben und damit das Zeitalter der Selbstentdeckung Amerikas eingeleitet.

Lebendige Autonomiebewegung

Aber nicht nur das: Sie haben in den vergangenen Jahren auch eigenständige politische Formen entwickelt, um ihrem international verbrieften Recht auf Selbstbestimmung Nachdruck zu verleihen. Autonomie heißt das Zauberwort, das etwa zeitgleich mit dem der Globalisierung seit 1992 seinen kontinentalen Siegeszug angetreten hat. Zwar hat es bereits im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder Versuche verschiedener Indiovölker gegeben, ihren Widerstand gegen die jeweiligen nationalstaatlichen Machthaber in gewisse juristische Bahnen zu lenken.

So geht der Kampf der Kuna-Indianer in Panama etwa auf die Revolución Kuna im Jahr 1929 zurück. Und auch die Entwicklung der 1984 gegründeten Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador (CONAIE) wäre ohne die seit den Sechzigerjahren erfolgten Besetzungen der Haciendas undenkbar gewesen. Den wirklichen Durchbruch auf kontinentaler Ebene erzielte die Autonomiebewegung aber erst in der Vorbereitung auf den 500. Jahrestag der Conquista im Jahr 1992, als sich die "Bewegung 500 Jahre Widerstand der Indigenen, Schwarzen und Volksbewegungen" zuerst in Ecuador, dann in Guatemala und schließlich in Nicaragua konstituierte.

Wenig Öffentlichkeit

Unter den unzähligen Protestaktionen und Demonstrationszügen in die Metropolen Nord-und Südamerikas fand damals ein Marsch statt, der von der breiteren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde: Von den südlichen Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca marschierten Tausende in Richtung Mexiko-Stadt, wurden aber von den einschreitenden Polizei- und Sicherheitskräften so sehr aufgerieben, dass sie ihr Ziel nicht erreichen konnten. Niemand ahnte damals, dass dieser Marsch die eigentliche Geburtsstunde der Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) war, der sie ihre Massenbasis und ihre Entschlossenheit verdankte, einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten.

Politisches Subjekt

Die Geschichte des Zapatistenaufstands ist inzwischen weit gehend bekannt. Weniger bekannt ist, dass nach dem Aufstand am 1. Jänner 1994, also ausgerechnet an jenem Tag, an dem der mexikanische Staat aufgrund des Freihandelsabkommens (Nafta) mit den Vereinigten Staaten und Kanada seiner ökonomischen Eigenständigkeit endgültig beraubt wurde, im Süden Mexikos ein neuartiges politisches Subjekt das Licht der Welt erblickte, das weder mit den nationalen Befreiungsbewegungen Zentralamerikas noch mit den gleichzeitig entstehenden globalisierungskritischen Bewegungen auf dem europäischen Kontinent vergleichbar war: Erstmals war de facto eine multikulturelle Autonomie von Indianervölkern entstanden, welche die Geschichte Lateinamerikas nachhaltig verändern sollte.

Municipios Autónomos

In den von den Zapatisten kontrollierten indigenen Gemeinden, den so genannten municipios autónomos, traten unter den Augen der mexikanischen Armee längst vergessene politische Strukturen ebenso zutage wie eine auf dem Prinzip wechselseitiger Solidarität aufgebaute Subsistenzwirtschaft. Vor allem aber war es die gemeinsame Kultur, die in zahlreichen Mythen seit Jahrhunderten überlieferte Cosmovisión (Weltanschauung), welche die Grundlage einer gemeinschaftlichen politischen Praxis bildete.

Ein ähnlicher Prozess gärte auch in Guatemala, dem Land Lateinamerikas mit dem größten Anteil an indianischer Bevölkerung. Gleich nach den 1996 abgeschlossenen Friedensverträgen wurde auch dort das Bewusstsein einer eigenständigen Identität der Mayavölker spürbar, wenngleich es der politisch-militärische Druck der mestizischen Oberschicht bis heute verhinderte, dass die zahlreichen Indio-Organisationen zu eigenständigen, territorial vernetzten Autonomiesubjekten heranreifen konnten.

Unabhängigkeit in Nicaragua

Ganz anders war da die Situation an der von fünf verschiedenen Ethnien besiedelten Atlantikküste Nicaraguas. Dort hatten die Sandinisten auf Rat eines Teams von mexikanischen Anthropologen bereits 1987 ein so genanntes Autonomiestatut verabschiedet, das die gesamte Region, die etwa die Hälfte des Staatsgebietes umfasste, zwei juristisch weitgehend unabhängigen politischen Verwaltungen unterstellte. Im Unterschied zu den zapatistischen municipios autónomos in Chiapas konnte sich aufgrund der politischen Rahmenbedingungen nach der Abwahl der Sandinisten jedoch bisher keine eigenständige Gemeindestruktur entwickeln.

Zweifelhafte "Schirmherrschaft"

Ein eigenes Universum bildet in diesem Zusammenhang die Amazonasregion, wo in vielen Gegenden (wie etwa am Alto Rio Negro in Brasilien) dank ihres hohen Vernetzungsgrads die dort (über)lebenden Indiovölker einen hohen Grad von politischer, ökonomischer und kultureller Eigenständigkeit erkämpft haben, ohne dass diese vom Staat ausdrücklich als "Autonomie" anerkannt würde.

In manchen Gebieten der Amazonasregion stehen die Indiogemeinden nach wie vor unter der zweifelhaften "Schirmherrschaft" von Armeen und / oder Guerillaverbänden und sind noch immer dem schleichenden Ethnozid von Holzfällermafias und Erdölkonzernen ausgeliefert. Einen der weit reichendsten Autonomieprozesse gibt es in Ecuador, wo Lateinamerikas schlagkräftigste Indianerorganisation ein umfassendes Staatskonzept erarbeitet hat, das im Gegensatz zum Modell des zentral verwalteten Nationalstaats steht.

Dieser multiethnische und plurikulturelle Staat soll die verschiedenen Indiovölker, die sich als nacionalidades verstehen, aber auch die Mestizen als eigenständige, untereinander gleichberechtigte kollektive Subjekte behandeln, die den Nationalstaat in allen seinen Funktionen perspektivisch ersetzen sollen.

Kurz: Ab Mitte der Neunzigerjahre haben sich in ganz Lateinamerika zahlreiche von der Indianerbevölkerung vorangetriebene Autonomieprozesse entwickelt, die von den jeweiligen Nationalstaaten mehr oder weniger anerkannt wurden. Während die Kuna-Indianer in Panama bereits seit Jahrzehnten über eine weitreichende territoriale Autonomie verfügen, ohne dass es dort ein eigenes Autonomiegesetz gibt, ist das Recht der Indios auf Selbstbestimmung in den Verfassungen der Andenländer Kolumbien, Ecuador und Bolivien ebenso verankert wie in der neuen Verfassung von Venezuela. (DER STANDARD, ALBUM, 29./30.1.2005)

Von Leo Gabriel

Leo Gabriel ist wissenschaftlicher Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für zeitgenössische Lateinamerikaforschung

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    Versteckspiel in Chiapas: "In den von den Zapatisten kontrollierten Gemeinden traten unter den Augen der mexikanischen Armee vergessene politische Strukturen zutage."

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