Ein Experte für das Ganze

4. Februar 2005, 12:17
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Erzählen, wie Raoul Schrott es versteht, schafft Heimat und schreibt die literarische Landkarte um

Eine Würdigung und Anmerkungen zum Schreiben und Leiden.


Nichts ist heute abschreckender als der innere Drang, obwohl er doch einmal als die dichteste Inspirationsquelle gegolten hat. Aber wo früher ein Gott oder das Göttliche sich den Resonanzraum der Seele gesucht und durch seine raumnehmende Anwesenheit die Notwendigkeit erzeugt hat, das Wort zu verkünden, entsteht der heutige Drang meistens aus einem lästigen Mitteilungsbedürfnis, um die klebrige Masse aus windigen Informationen, angelesenen Banalitäten und psychischen Unverdaulichkeiten der ohnehin verstörten Menschheit vor Füße, Augen und Ohren zu kippen.

Bei Schriftstellern, die einen inneren Drang verspüren und dies auch noch öffentlich kundtun, ist Vorsicht geboten, und ganz besonders dann, wenn dieser Drang nicht anders als dunkel zu beschreiben ist. Warum und seit wann wir den Dichter mit einem unglücklichen Bewusstsein dem anderen vorziehen, der sein Glück jenseits der elenden Verfassung der Welt aus der Freude zieht, etwas Vorgestelltes so genau wie möglich in Sprache zu realisieren, darüber streitet sich die moderne Philologie, wenn sie überhaupt noch Lust am Streit hat.

Wahr ist aber, dass die Konzeption des Dichters als katastrophisches Individuum mehr Anhänger findet als jede andere. Der Zerstörer oder der Überbringer der Nachricht von katastrophalen Zerstörungen genießt ein höheres Ansehen als der Bewahrer, dessen Programm die Rettung der Dinge ist, die noch im Zuge ihres Verfalls die Aura des Schönen bewahren. Wahrscheinlich wirkt an dieser Legendenbildung um den Katastrophiker die ungute Fixierung auf das angeblich ungeordnete, wilde Leben der Dichter mit, obwohl keiner empirisch belegen kann, dass Dichter tatsächlich andere, schlimmere soziale Auffälligkeiten zeigen als der Rest der Menschheit. Im Gegenteil (. . .)

Richtig ist, dass sie nur wenig verdienen, was "dem ekstatischen weltbildenden Wesen des Menschen" (Sloterdijk) offenbar zuwiderläuft, aber dieser heute an sich skandalöse Umstand ist nicht einmal für die oft melancholische Grundierung ihrer Persönlichkeitsstruktur verantwortlich, auch wenn das die Ehepartner der Dichter und Dichterinnen vielleicht anders sehen. Nein, kein dunkler Drang zeichnet den wahren Dichter aus, wohl aber ein schweres Leiden. Ein Leiden daran, dass die stabil geglaubte Kette, die uns, unsere marode Zivilisation, mit den Ursprüngen verbinden sollte, gerissen ist: Jetzt baumeln die losen Enden der Kette, die das bislang offenbar einmalige Experiment des Menschen auf diesem Planeten zusammengehalten hat, lose herunter, und kein großer Zusammenflicker, der sie aufnehmen und wieder verknüpfen könnte.

Dieses Leiden des Dichters, das medizinisch nur unvollkommen auszudrücken ist und folglich im Pschyrembel nicht vorkommt, versucht ein Dichter dadurch zu kurieren, dass er dichtet, also etwas tut, was gesellschaftlich zwar eigentlich notwendig und unverzichtbar wäre, aber in der heutigen Bedeutungshierarchie trotzdem kaum von Belang ist. Er arbeitet an kleinen Werkstücken, mit denen er die fehlenden Glieder der Kette zu ersetzen versucht, obwohl er sich nur selten der Illusion hingeben wird, diesen Riss je zu heilen. Überlässt er sich aber dieser Illusion, wird er entweder größenwahnsinnig - ein Sachverhalt, der in der Literaturgeschichte bis in die Gegenwart oft zu beobachten ist - oder aber melancholisch.

Beide psychischen Dispositionen liegen so dicht beieinander, dass sie oft kaum zu unterscheiden sind, und sie sind beide dafür verantwortlich, dass der Dichter, von außen besehen, zwischen all den Betriebswirtschaftlern dieser Welt einen so unsicheren, schiefen Eindruck macht. Er stellt etwas her, was kaum einer zu brauchen meint, weil sich die Vorstellung durchgesetzt hat, dass unser gelebter Gesellschaftsvertrag auf jedwede Erinnerungen an die Ursprünge verzichten kann. Wir sind, lautet die Präambel dieses Gesellschaftsvertrages, jetzt da und arbeiten bestenfalls für morgen, und wenn es hoch kommt, für ein besseres Morgen, haben aber vergessen oder verdrängt, dass wir in der Hauptsache aus Gestern bestehen. Unser gemeinsames Gestern hat uns die Begriffe und Vorstellungen des Heute geliefert. Warum ist es, trotz dieser erstaunlichen Karriere, so in Verruf geraten?

Wir reden viel über Tarifrunden und Medienwirksamkeit, aber man soll uns bitte schön mit der Unterscheidung von Apollonisch und Dionysisch vom Leibe bleiben. Unsere Ansprüche an die Gesellschaft, die Assoziation von Individuen, die einen Teil ihrer Macht zugunsten des Allgemeinen abgeben, sind seit dem 18. Jahrhundert enorm gewachsen, aber nicht mitgewachsen ist das Bedürfnis, über die grundlegenden Muster unserer Existenz aufgeklärt zu werden. An diesem heillosen, heiligen Projekt arbeiten die Dichter, insofern sind sie, auch wenn es oft anders scheint, im Grunde ihres leidempfindlichen Herzens konservativ: Sie sind, wie immer man ihre Anstrengungen und ihre Ergebnisse beurteilen mag, Experten für das Ganze. (...)

Wer das Glück hat, Raoul Schrott etwas näher kennen zu lernen, darf sich auf unerwartete Post mit seltenen Briefmarken aus entlegenen Weltgegenden freuen. (...) Denn Schrott ist ein begnadeter Reisender (..) Er fährt immer woanders hin und vorzugsweise an solche Orte, wo er die beiden Säulen unserer Zivilisation, die Schönheit und das Elend, unmittelbar anschauen, erleben kann. (. . .) Auf solchen Reisen entsteht das Erzählen, die Erzählung, das große Band aus Sprache, das die Menschen jenseits ihrer individuellen Bedürfnisse zusammenhält. (...)

Das Erzählen, so hieß es, führte alles wieder zusammen und ließ einen Ort daraus werden: Dieses Urvertrauen in das Erzählen ist einer der Elementargedanken im großen Kosmos des Raoul Schrott. Und wenn wir seit einigen Wochen bei der Nennung des Begriffs Kosmos an Alexander von Humboldt denken, dann soll es nur recht sein: denn wenn einer heute als naturwissenschaftlich und literarisch begabter Sekretär in die Dienste von Humboldt treten dürfte, dann er! Das Erzählen, wie Raoul Schrott es versteht, schafft Orte, Heimat, es schreibt die Landkarten um. Nur wer an der unmittelbaren Erzählung teilnimmt, am Palaver, am Geschwätz, der Rede am verbindenden "Sätzeaustauschabkommen" (Sloterdijk), wird die Idee, den heißen Kern aller zivilisatorischen Anstrengungen verstehen können.

Am Anfang war die Erzählung. Was danach kommt, die Organisation, die Regeln, der Vertrag und der Vertragsbruch, macht sich bald selbstständig und wird zu der großen gesellschaftlichen Bedürfnis-Maschine, die das Erzählen abtötet. Am Ende steht der Tourismus als das Todesurteil des Erzählens in seiner elementaren Form. Statt Hopi dann TUI. "Es war schön, die Sonne schien, wir sind von oben bis unten braun", lautet der letzte Satz vor dem Verstummen.

Man kann der deutschen Literatur nicht gerade vorwerfen, besonders welthaltig zu sein. Andere Literaturen haben es, nicht zuletzt wegen ihrer kolonialistischen Vergangenheit, leichter, das Fremde im Eigenen darzustellen; das Fremde dem Eigenen gegenüberzustellen. Was wäre aus der französischen Literatur geworden, wenn nicht mit den heißen Winden Nordafrikas auch die Literatur des Maghreb nach Frankreich gekommen wäre; wenn nicht die Kinder des Kolonialismus - die Kinder der Kolonisten wie der Kolonisierten - ins so genannte Mutterland gefunden hätten, in die Republik mit ihrem revolutionären Poem von "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", das schon bei seiner ersten Bewährungsprobe, der Überfahrt nach Afrika, über Bord gegangen war. (. . .) Auch die englische Literatur der Gegenwart hat vom Kolonialismus profitiert, der ihren gesitteten Austausch von Höflichkeiten jäh unterbrochen hat. Es waren die indischen, pakistanischen und karibischen Stimmen, die mit rauen Kehllauten die gedämpfte Unterhaltung am Kamin verstummen ließen.

Die deutsche Literatur der Gegenwart dagegen ist meistens zu Hause geblieben und wurde deshalb auch hauptsächlich nur von der lokalen Politik, und von der auch nur selten, gestört. Das soll man ihr nicht vorwerfen, man muss es aber feststellen. Gelegentlich fuhr sie nach New York oder Paris, auf die Balearen oder nach Rhodos und hat von dort schöne, interessante Postkarten nach Hause geschickt.

Aber die Forsters und von Chamissos haben keine wirklichen Nachfahren gefunden. Vielleicht ist das der Grund, warum so viele Leser den nach Gewicht und Inhalt ja keineswegs leichten und schon gar nicht leicht zu lesenden oder gar zu verschlingenden Roman Tristan da Cunha so dankbar und fasziniert aufgenommen haben. Dieses Buch muss man wegen seines Reichtums an Beobachtungen und Beschreibungen, wegen seiner an alte Knüpftechniken erinnernden Form rühmen und lieben; man darf es getrost als einen in vielen Lichtern und Farben schimmernden Solitär bewundern, der sich auf dem kargsten und unzulänglichsten Eiland, das sich denken lässt, aufwächst und entfaltet, ein Ideen- und Abenteuerroman, der seine Kraft und wuchtige Größe aus einer nicht mehr erhofften Sprachgenauigkeit zieht, die bis ins winzigste Detail die Schattierungen der Seelen und der Sachen ausmalt und vergegenwärtigt, ohne je dem falschen Glanz eines modern gewandeten Historismus oder Exotismus zu verfallen.

Aber viele Leser werden nicht nur aus Dankbarkeit für dieses unverhoffte Geschenk das Buch in Erinnerung behalten, sondern weil sie spüren, dass hier eine Schwelle, eine Grenze übertreten wurde in eine Landschaft, in ein Reich, das aus irgendwelchen Gründen einmal zu uns gehört hat, das wir aber im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte verloren haben. Verloren für immer. Eine Natur, die zu uns gehörte, die uns aber genommen wurde, die wir uns abtrainiert haben. Die in unseren moderaten Breiten nicht mehr relevant ist, nicht mehr zählt, weil unsere Aufmerksamkeit sich ganz und gar auf uns selbst und die Klimatisierung unseres winzigen Weltausschnitts konzentriert hat. (...)

Ich möchte noch auf ein anderes Wunderwerk aus Raoul Schrotts Werkstatt hinweisen, seine Übersetzung und Neuerzählung des Gilgamesch-Epos. "Ich habe", schreibt Rilke, "an diesen wahrhaft gigantischen Bruchstücken Maße und Gestalten erlebt, die zu den Größten gehören, was das zaubernde Wort zu irgendeiner Zeit gegeben hat.". (...) Am liebsten hätte Rilke das Gilgamesch-Epos erzählt - aber es mussten mehr als achtzig Jahre vergehen, bis eine Fassung vorlag, die man auch erzählen konnte: Keiner sieht jemals den Tod,/ keiner erblickt jemals das gesicht des Todes,/keiner vernimmt jemals die stimme des Todes,/ den grausamen Tod, den schnitter der menschheit.// Und trotzdem gründen wir weiter einen hausstand,/ und trotzdem gehen wir weiter unsere verpflichtungen ein,/und trotzdem teilen brüder weiter ihr erbe auf,/ und trotzdem entstehen weiter zwistigkeiten im land.

Hier, in diesem Epos, das lange vor den griechischen Gesängen entstand, die wir dem Homer andichten, wird die entscheidende Frage gestellt, die, ohne je beantwortet werden zu können, allen menschlichen Irrsinnigkeiten zugrunde liegt: Die großen Götter erlegten uns das Leben und den Tod auf, doch den Tag des Todes, den enthüllen sie keinem. Raoul Schrott hat für uns die sakralen Räume dieser Poesie geöffnet, um unseren von der Gegenwart müden, aufgeklärten Augen den Reichtum der ursprünglichen, mythischen und religiösen Welt zu zeigen, deren Erbe wir nicht angenommen haben, obwohl es uns ohne geistige Erbschaftssteuer zufallen würde.

In seiner berühmt gewordenen Anthologie Die Erfindung der Poesie, einer Sammlung von Gedichten aus den ersten viertausend Jahren, die er selbst übersetzt hatte, schreibt Raoul Schrott: "Ästhetik ist nichts anderes als diese Art von Ökonomie - ein Maximum von Ideen mit einem Minimum von Mitteln auszudrücken -, in der die Sprache zum kleinsten gemeinsamen Nenner des Denkens verdichtet wird; die Poesie bündelt das größte gemeinsame Vielfache der Gedanken und ihre Zweideutigkeiten und bezieht die Sprache zurück auf primäre Wahrnehmungen. Dadurch wird sie zum menschlichsten Zeugnis der Existenz, einer wenigstens für die Dauer des Gedichts gültigen Wahrheit, einen Augenblick humaner Totalität."

Es bleibt ein Rätsel unserer an ihrer eigenen Plattheit und rhetorischen Stümperhaftigkeit erstickenden modernen Selbstbeobachtungsgesellschaft, dass sie sich bei ihren Lebensspielen nicht mehr auf die Poesie bezieht und lieber jede noch so dürftige Prosa bevorzugt. Dieses Rätsel können und wollen wir heute (. . .) nicht diskutieren; zu lösen wird es ohnehin nicht sein, auch nicht durch den Aufbau von Elite-Universitäten, in denen humane Totalität ohnedies nicht auf dem Lehrplan stehen wird. Der Weg aus dem globalisierten Universum der zugerichteten Prosa in die Landschaften der Poesie ist nur noch über die Bücher zu finden. Und gottlob gibt es historisch und praktisch gut ausgerüstete Führer wie Raoul Schrott, die die längst überwachsenen Pfade kennen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.1.2004)

Es handelt sich bei diesem Text um die gekürzte Fassung der Laudatio, die Michael Krüger anlässlich der Verleihung des Joseph-Breitbach- Preises an Raoul Schrott hielt.

Von Raoul Schrott erscheint Anfang März bei Hanser die Essaysammlung "Handbuch der Wolkenputzerei" (€ 20,40) und bei DuMont "Dada 15/ 25 Dokumentation und chronologischer Überblick zu Tzara und Co. (€ 80,20).

Von Michael Krüger, Verlagsleiter des Münchner Hanser Verlages
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