Gedenken und Aufklären

25. Februar 2005, 18:57
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Anmerkungen zur Repräsentations­geschichte des "Holocaust"

Auschwitz ist spätestens in den 1960er-Jahren zum Symbol für den systematischen Massenmord am europäischen Judentum während des "Dritten Reichs" geworden. Seine Gaskammern und Krematorien gelten als Höhepunkt und sinnfälligster Ausdruck des Vernichtungswillens des NS-Regimes. Mit "Auschwitz" wurde die quasi-industrielle Tötungstechnik zum Signum des "Holocaust".

Doch tatsächlich waren "nur" etwa 60 Prozent der sechs Millionen ermordeten Juden in Gaskammern umgebracht worden. Das Bild vom fabrikmäßigen Töten in den Vernichtungslagern im Osten beinhaltete die ohnehin irreführende Vorstellung eines anonymen Geschehens. Das Symbol des Massenmords diente so gleichzeitig als Ausrede für Deutsche und Österreicher: Das Verbrechen vollzog sich fern von ihnen und war nicht einsehbar; man konnte nichts von ihm wissen, und es hatte niemanden direkt getötet. Nicht nur der archaische Charakter der Massenerschießungen, mit einer entsprechenden Zahl von direkten Tätern aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten, wurde in den Hintergrund gedrängt, sondern auch die Teilhabe der "großdeutschen" Gesellschaft wurde insgesamt verdeckt: in deren Mitte die Vorläufer des Massenmords - Ausgrenzung, Beraubung und Vertreibung - stattgefunden hatten und aus deren Mitte die Planer und Vollstrecker der Vernichtungspolitik schließlich gekommen waren (und in die sie nach ihren Verbrechen, erstaunlicherweise ohne größere Umstände, auch wieder integriert worden sind).

Die Geschichte der Erinnerung und Erforschung der NS-Massenverbrechen ist nicht nur eine des Vergegenwärtigens, Gedenkens und Aufklärens, sondern im gleichen Maße auch eine des Vergessens, Verdrängens und Ausblendens. Die Geschichte der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Völkermord ist keineswegs von langsamer, aber stetig wachsender Aufklärung seit dem Kriegsende, sondern vielmehr von Gegenläufigkeiten und Ungleichzeitigkeiten geprägt.

Holocaust-Forschung und -Gedenken beginnen nicht erst mit dem Ende des Krieges. Auch hier gibt es keine "Stunde null", sondern Kontinuitäten und Brüche, die sich überlagern. Die Opfer selbst hatten bereits begonnen, als Akt des Widerstands die Verbrechen an ihnen und ihre zum Untergang bestimmte Lebenswelt zu dokumentieren. Die bekannteste und umfangreichste dieser Untergrundaktionen war das Archiv und Dokumentationszentrum, das unter dem Decknamen "Oneg Shabbat" (Freude am Sabbat) im Warschauer Getto von dem polnischen Historiker Emanuel Ringelblum betrieben wurde. In Milchkannen vergraben, gelangte ein Teil der gesammelten amtlichen Dokumente, persönlichen Papiere, Tagebücher, Fotografien und Plakate an die Nachwelt. Ringelblum und seine Mitarbeiter überlebten nicht.

In Auschwitz selbst beschrieben Mitglieder des jüdischen Sonderkommandos, das den Tätern die Arbeit der Leichenbeseitigung in den Gaskammern und Krematorien abnehmen musste, die Gettos, aus denen die Ermordeten kamen, deren Deportationen, die Ankunft der Transporte in Auschwitz, den Prozess der Ermordung mit Gas und ihre eigene Tätigkeit im Zentrum der Vernichtung. Nicht nur mit schriftlichen Aufzeichnungen, sondern auch mit geheim angefertigten Fotografien versuchten sie, Belege für das Verbrechen zu überliefern. Dass sie selbst nicht überleben würden, musste ihnen in ihrer Situation bewusst sein.

Mit ihren dokumentarischen Widerstandsaktionen versuchten die Opfer, die Macht der Täter über die Repräsentation der Verbrechen zu unterlaufen. Diese gingen im Angesicht der herannahenden alliierten Armeen daran, systematisch die Spuren ihrer Verbrechen zu verwischen: an den Vernichtungsstätten im Osten, indem Massengräber wieder geöffnet und Leichen verbrannt wurden; in den Amtsstuben, indem belastendes Aktenmaterial aussortiert und verbrannt wurde. Die Nationalsozialisten betrieben jedoch nicht von vornherein eine Politik des Spurenverwischens. Vielmehr waren es die NS-Täter selbst, die die ersten, wohl kalkulierten Repräsentationen ihrer eigenen Verbrechen erzeugten: mit komplexen heroischen Narrativen wie in Reden Heinrich Himmlers oder mit fotografischen und filmischen Dokumentationen der Deportationen aus dem Reich, der Abläufe in Auschwitz nach der Ankunft eines Transports, der Durchführung von Vernichtungsaktionen oder der Tötung in Gaskammern. Alle diese Selbstdarstellungen konnten nach dem Krieg - entgegen dem Willen ihrer Produzenten - als Beweise für die Verbrechen benutzt werden. Die meisten von ihnen wurden auch ohne Zögern und ohne Reflexion der damit verbundenen Ambivalenzen in unsere Erinnerungskultur übernommen und für das Gedenken an die Opfer umgewidmet.

Die Bilder und Begriffe von Tat und Tätern nach 1945 befinden sich damit in einer eigentümlichen Kontinuität mit den Repräsentationsabsichten der Täter. Auf der Ebene von Gedächtnis und Erinnerung, Bildern und Begriffen kann sich vieles subkutan und unbemerkt fortpflanzen und weiterarbeiten. Im besonderen Fall liegt dies auch darin begründet, dass vor allem in Deutschland die Täter zu einer wesentlichen Quelle für die infolge der Nachkriegsprozesse aufkommende Zeitgeschichtsforschung wurden. Ihre Entschuldigungsstrategien wurden in der Wissenschaft rationalisiert und fortgeschrieben, unter Berufung auf Sachlichkeit und Nüchternheit, die gleichzeitig den Opfern und ihren Nachkommen wegen ihrer persönlichen Erfahrungen abgesprochen wurden. Jüdische und nicht deutsche Historiker, die sich früh mit umfangreichen wissenschaftlichen Darstellungen und Dokumentationen zu dem Thema zu Wort meldeten, wurden aus den einschlägigen Institutionen, der deutschen Öffentlichkeit und vom deutschen Buchmarkt fern gehalten. Die Deutungs- und Repräsentationsgemeinschaft in den Täternationen blieb auch nach dem verlorenen Krieg zunächst einmal weit gehend unter sich.

Die Fokussierung auf Auschwitz und damit auf die Gaskammern, deren innere Vorgänge sich wie bei einer Black Box dem Blick entziehen, ermöglichte bis vor wenigen Jahren, sich in der Öffentlichkeit vor allem auf abstrakte Begriffe zu beschränken. Das Verbrechen blieb zwar nicht ungenannt, es wurde aber häufig nur ausweichend und ablenkend dargestellt. Nicht nur visuelle Repräsentationen wurden gemieden, sondern auch Beschreibungen und Darstellungen. Auch in der Geschichtswissenschaft wurde im Wesentlichen dieses Bilderverbot eingehalten. Die Auslassung konnte dabei unterschiedliche, teilweise gut nachvollziehbare Motive haben, immer jedoch hat sie Details verschleiern geholfen, hat eine Konfrontation erspart.

Die Wehrmachts-Ausstellung und das Goldhagen-Buch haben das verändert. Seitdem sind detaillierte Darstellungen der Verbrechen jeder Art, auch für eine breitere Öffentlichkeit, möglich geworden. Doch in der Zwischenzeit ist der Fokus, sind die Relationen verloren gegangen: Zum einen ist ein Untergehen der Besonderheiten der NS-Vernichtungspolitik im stetig wachsenden Detailwissen über das "Dritte Reich" möglich geworden, zum anderen können inzwischen deutsche und österreichische Opfer von Vertreibung und Bombenkrieg neben "Auschwitz" gestellt werden. Wie sich Erinnerung und Erforschung weiter entwickeln werden, ist schwer zu prognostizieren. Erinnerung kann nicht ohne Weiteres kontrolliert werden, auch den Tätern ist dies langfristig nicht gelungen. Und das ist vermutlich das Tröstlichste, was man sagen kann. (Dirk Rupnow/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 1. 2005)

Der Historiker Dirk Rupnow ist Apart-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Frühjahr erscheint seine Studie "Vernichten und Erinnern. Spuren nationalsozialistischer Gedächtnispolitik" im Wallstein Verlag.
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    Über den Bunkern von Josef Göbbels wurde das "Denkmal der Juden in Europa" vom amerikanischen Architekten Peter Eisenman errichtet. Am 15. 12. 2004 wurde die letzte der 2.711 Stelen gesetzt.

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