Ohne Anfang und Ende - die Arbeit einer Onlineredaktion

18. Februar 2005, 14:01
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Kein Scherz: 1997 wünschte man "sichere Updates um 9, 12, 15, 17, 19 und 21 Uhr"

"Sichere Updates um 9, 12, 15, 17, 19 und 21 Uhr" wünscht man sich im September 1997 von der Onlineredaktion. Eine Vorgabe, die uns heute ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Mittlerweile aktualisieren wir, derStandard.at, so gut wie permanent, je nach Meldungslage.

Aber zurück in den Herbst 1997. Da bedeutet redaktionelle Arbeit im Internet, Texte zu kürzen, umzuformulieren und schließlich online zu stellen, dabei bloß keine Scheu vor dem jungen Medium und der Technik zu haben und keinesfalls zu wissen, höchstens zu ahnen, wie alt das junge Medium werden kann. Wer will unter diesen Voraussetzungen schon in einer Onlineredaktion arbeiten? Freiwillige vor! Die Wahl fällt auf Volontäre.

Wer sich virtuell in den Weiten des "Cyberspace" breit macht und ohnehin gleich die "Auffahrt zum Datenhighway" nimmt, dem sollte ein Durchgangszimmer zwischen der Innen- und Außenpolitik genügen oder ein Platz im Zimmer der Chefs vom Dienst. So wird es jedenfalls im Konzept angedacht. In der Realität findet sich die Onlineredaktion doch im Archiv wieder, dort wo das Textarchiv 1994 das Abenteuer startete, den STANDARD als erste deutschsprachige Tageszeitung ins World Wide Web zu bringen. Der geplante Inhalt: STANDARD-Meldungen, APA-Schlagzeilen, eine personalisierte Version des STANDARD, das Kreuzworträtsel, die Börsenkurse, eine tägliche Kolumne, die "Netview", und so genannte "Special Events", beispielsweise die Berichterstattung über die CA-Trophy.

Echtzeit

Um immer am Ball zu sein, nehmen die Volontäre, bald nur mehr knapp "Redons" genannt, auch an den Konferenzen der Print-Ausgabe teil. Nach kurzer Zeit tun sich die Vorteile des Publizierens im Internet auf. Wenn sich Großereignisse kurz vor Redaktionsschluss ankündigen und in den Print-Ressorts Hektik ausbricht, dann gehen wir etwas gelassener ans Werk. Keine Zeitungsseite, die frei geschaufelt werden muss, kein Text, der mangels Platz zusammengekürzt werden muss, keine Geschichte, die "nachgezogen" werden muss, weil sie am Vortag keinen Platz fand, keine Deadline, die online nicht durchbrochen werden kann. Die Echtzeit zieht in die Onlineausgabe ein. "Sichere Updates" sind permanent möglich, die Leserinnen und Leser können sich darauf verlassen, dass wir über Großereignisse - wenn nötig auch mitten in der Nacht - berichten und der STANDARD im Netz immer aktuell ist. Wenn die Technik mitspielt. "Die Nachrichten sind alt!", "Bitte aktualisieren Sie doch endlich!", hören die eifrig updatenden "Redons" hin und wieder. Will sich der Browser von alten News im Zwischenspeicher nicht trennen, heißt der Rat an die Userinnen und User: "Bitte leeren Sie den Cache!"

Da darf man sich schon einen kleinen Spaß erlauben

Als die "Page-Impressions" und "Visits" die "Hits" ablösen, wird die Schlacht um die Zugriffe, die Quoten im Netz, eröffnet. Ja, wir wissen, welche Geschichten sie gerne klicken, die Userinnen und User. Wenn Sie wüssten! "Rad in China umgefallen - Pamela Anderson unverletzt". Wer braucht denn das, fragen Sie? Niemand, zugegeben. Aber getestet haben wir's. Fazit: Was viel geklickt wird, muss nicht gleich Journalismus sein. Aber im Netz arbeiten, eine Site am Leben erhalten und eine Community bei Laune halten - da darf man sich schon einen kleinen Spaß erlauben. Es ist ein schmaler Grat zwischen dem, was die Community begeistert und dem, was sich gehört. Ungeheuerlich: "Redons" wollten einen Chat zum gemütlichen Zusammentreffen der Politik mit der Internetgeneration nützen. Wenn Politiker Liedgut verbreiten und es mit "Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserm Kreis herum" in die Medien schaffen, warum nicht eine virtuelle Diskussion mit einem Chat-Gast, der ohnehin lange vor Beginn der Onlineunterhaltung in die Redaktion kommt, mit einem Ton- und Videodokument versehen? Gitarrespielerin, Kameramann und Chor stehen bereit. Wir halten das für eine glänzende Idee, der Gast für eine unverschämte.

Eine Sache von Minuten

Was in Tageszeitungen innerhalb von Stunden erledigt wird, ist online eine Sache von Minuten. Auswählen, recherchieren, schreiben und veröffentlichen, das Onlinetempo ist flott. Blitzschnell gilt es, Ihnen gewichtige Meldungen zur Verfügung zu stellen. Und dabei passieren Fehler. Wir geben das zu. Ein "Redon", verzagt: "Ich wollte nur noch einmal betonen, dass das ganze Schlamassel ja eigentlich nur ein Fehler meinerseits war, den ich auch zugebe, ich wollte Sie daher bitten, nicht den Online-STANDARD dafür verantwortlich zu machen. Wir sind lauter junge, teilweise unerfahrene Internetbetreuer - das ist unsere Bezeichnung, wir gelten ja gar nicht als Journalisten. Ich hab recherchiert und herausgefunden, dass Kartoffelpüree Ihre Lieblingsspeise ist." Das "persönliche Geschenk" wird überreicht, die Entschuldigung mit Schmunzeln angenommen.

"Moko", "Miko" und "Ako"

Mit den Jahren sind die "jungen Leute" in der Onlineredaktion erwachsener und Onlinejournalisten geworden. Die Zeit des Austestens des Mediums und der "Internetbetreuer" ist vorbei. Die Onlineausgabe ist aus dem Schatten der Zeitung herausgetreten. Die Konkurrenz lobt uns (wir können uns "international sehen lassen"), Experten fragen uns: "Warum haben Sie mich dazu nicht interviewt?" und Leserinnen und Leser (durchschnittlich 330.000 pro Woche) besuchen uns. Mit "Moko", "Miko" und "Ako" ist das Ringen um den besten Platz auf der "Frontpage" unaufgeregter und routinierter geworden. In den eigenen Konferenzen - mittlerweile im Besprechungszimmer im Dachgeschoß der Schenkenstraße - geht es um eine Bestandsaufnahme und Bewertung der "Seite 1", wie man diese noch besser machen könnte, welche Nachrichten noch zu erwarten seien und womit die Konkurrenz "aufmacht". Morgenkonferenz, Mittagskonferenz und Abendkonferenz strukturieren den Arbeitstag. Was gibt es hier zu hören? "Nur Geschichten mit Titelbild im Aufmacher-Bereich!" - das ist der beste Platz auf der Einstiegsseite von derStandard.at. Dort sehen Sie zuerst hin und deshalb platzieren wir hier die wichtigsten Geschichten des Tages. "Das geht nicht", erklärt die Chefredakteurin. "Aber mit Bild geht ein Artikel besser", klagt ein Redakteur sein Leid. Denn in einen mit Foto versehenen Artikel klicken Sie eher hinein. Und so treibt die Illustration manchmal seltsame Blüten: Wie leitet man eine allgemeine Geschichte, etwa "Uniabschluss hilfreich beim Job", über zu KHG, einem Quotengaranten im Netz? Zum Beispiel mit "Neue Studien beweisen: Ein abgeschlossenes Unistudium ist hilfreich im Job. Im Bild: Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der zurzeit an seiner Dissertation arbeitet." Der Politikredakteur lächelt gequält und weiß, wie darüber entschieden wird: "Das ist nicht seriös, also weg damit!" Und weiter: "Wieso haben wir das nicht?" - die Konkurrenz hat eine gute Geschichte. "Warum dauert das immer so lange?" - eine Nachricht ist erst mit Verspätung von Sekunden erschienen. "Überschriften sind zu fad" - in dieser Aufmachung interessiert das die Userinnen und User nicht. "Zwischentitel immer noch Mangelware" - wir sagen das seit Jahren. "Die Seite ist zu groß!" - einige Geschichten müssen runter. "Meine Geschichte ist unterpriorisiert" - ein Exklusivartikel ist nicht im Aufmacherbereich. Und so weiter. Dazwischen wird redigiert, gewichtet, recherchiert, verfasst und produziert. Dann werden noch die Forenbeiträge der Userinnen und User gelesen und veröffentlicht. Anstrengungen ohne Anfang und Ende - die Arbeit in einer Onlineredaktion. (Sabine Bürger)

Erst vor kurzem habe ich die Standard-Seiten "entdeckt". Ich bin ABSOLUT überrascht, wie GUT man die Internetnachrichten machen kann. Ich habe immer alle möglichen www.cnn.com und www.idnes.cz usw. verglichen, weil ich meinem Freund bei seiner Seite www.budnews.cz helfen wollte. Seitdem ich derStandard.at kenne, sehe ich einen NEUEN STANDARD bei I-Nachrichten vor mir. Schade, dass man nicht online klatschen kann!
Tomas Kubin, 11. Oktober 2000
  • Die "jungen Leute" in der Onlineredaktion.
    foto: standard

    Die "jungen Leute" in der Onlineredaktion.

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