Wissen: Die wichtigsten Widerstandsgruppen

26. Jänner 2005, 19:47
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Insgesamt mindestens 2.700 ÖsterreicherInnen als aktive WiderstandskämpferInnen und etwa 1.400 Deserteure hingerichtet - rund 32.000 politisch Verfolgte starben in Haft oder im Lager

Wien - Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war in Österreich stark von den parteipolitischen Gräben der Ersten Republik gekennzeichnet. Dem NS-Regime standen zwei annähernd gleich starke potenzielle Feinde gegenüber: die Arbeiterbewegung sowie das katholisch-konservative Lager. Ein gemeinsamer nationaler Bezugspunkt entwickelte sich in Österreich erst gegen Kriegsende. Einen spezifischen "österreichischen" Widerstand gab es nach dem Historiker Ernst Hanisch dennoch, weil österreichische und deutsche Widerstandsgruppen organisatorisch immer getrennt geblieben waren. Bedeutenden bewaffneten Widerstand leisteten einzig slowenische Partisanengruppen.

Insgesamt wurden laut dem Historiker Wolfgang Neugebauer mindestens 2.700 Österreicher und Österreicherinnen als aktive Widerstandskämpfer hingerichtet. Rund 32.000 politisch Verfolgte dürften in KZ, Gefängnissen oder Gestapo-Haft umgekommen sein. Geschätzte 100.000 Österreicher waren aus politischen Gründen inhaftiert. Die Wehrmachtsjustiz richtete etwa 1.400 Deserteure aus Österreich hin.

Arbeiterbewegung

Sozialisten: Die Sozialisten waren nach dem Verbot ihrer Partei 1934 organisatorisch stark geschwächt. Mit Kriegsbeginn zerfiel der sozialistische Widerstand in isolierte, kleine Gruppen. Unter der Führung von Johann Otto Haas gelang es, bis Juli 1942 ein Netz von Stützpunkten in Wien, Salzburg, Tirol sowie unter Eisenbahnern aufzubauen. Adolf Schärf und Theodor Körner wurden nach dem Putschversuch vom 20. Juli 1944 verhaftet. Beide vertraten gegen Kriegsende die Sozialisten in überparteilichen Widerstandsgruppen. Bis Ende 1943 herrschte unter den Sozialisten noch die großdeutsche Orientierung vor.

Kommunisten: Ihr Widerstand war zahlenmäßig am weitaus stärksten. 50 Prozent der einschlägig von NS-Gerichten Verurteilten gehörten dem kommunistischen Widerstand an. 90 Prozent der illegalen Druckwerke stammten von ihnen. Der Widerstand war von Anfang an betont österreich-patriotisch und propagandistisch ausgerichtet. Unzählige Lokal- und Betriebszellen entstanden. Versuche einer zentralen Organisation wurden mehrfach zerschlagen. Die Gestapo verzeichnete bis März 1944 die Festnahme von 6.300 kommunistischen Widerstandskämpfern, unter ihnen die bekannte Architektin Margarethe Schütte-Lihotzky.

Bürgerliches und katholisches Lager

Die katholische Kirche war als Institution zwar nicht am aktiven Widerstand beteiligt, zahlreiche katholische Priester, Ordensleute und Laien waren aber entschiedene Gegner des Regimes. Zu ihnen zählten Sr. Maria Restituta oder der Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter. Bis 1940 waren die großen konservativen und monarchistischen Widerstandsgruppen zerschlagen. Der Kärntner Geistliche Anton Granig baute 1941 und 1942 ein weit verzweigtes Widerstandsnetz auf ("Antifaschistische Freiheitsbewegung Österreichs"). Eine Gruppe um den Währinger Kaplan Heinrich Maier und Semperit-Generaldirektor Franz Josef Messner lieferte dem US-Kriegsheimdienst OSS Informationen über die Rüstungsindustrie. Gegen Kriegsende formierten sich neue bürgerliche Widerstandskreise, die vor allem Pläne für die Nachkriegszeit erörterten.

Zeugen Jehovas

Die Zeugen Jehovas lehnten den NS-Staat kompromisslos ab. Sie verweigerten den Kriegsdienst sowie die Rüstungsarbeit. Von 550 Mitgliedern wurden 145 ermordet.

Bewaffneter Widerstand

Ab 1942 entstanden in Südkärnten slowenische Partisanengruppen. Sie waren in den Kampf der jugoslawischen Partisanen eingebunden. Bei schweren Gefechten fielen insgesamt 1.000 Widerstandskämpfer. Kaum in der Bevölkerung Fuß fassen konnten die sog. "Koralmpartisanen". Militärisch in Erscheinung trat ansonsten nur die Partisanengruppe Leoben-Donawitz. Gruppen im Ötztal oder im Salzkammergut kamen über die Bewaffnungsphase kaum hinaus. Im Rahmen der Jugoslawischen Volksarmee kämpften seit Herbst 1944 "österreichische Bataillone". Geheimaktionen von österreichischen Fallschirmagenten auf Seiten der Alliierten schlugen weitgehend fehl.

Überparteilicher Widerstand

Gruppe O5: Am politisch bedeutendsten war gegen Ende des Krieges die von konservativen Kräften getragene Gruppe 05. Sie knüpfte Verbindungen zu Sozialdemokraten und Kommunisten. Über Fritz Molden bestand Kontakt zum US-Kriegsgeheimdienst OSS. Zusammen mit der 05 befreite die Tiroler Widerstandsbewegung Innsbruck am 3. Mai noch vor dem Einrücken der US-Truppen.

Gruppe um Carl Szokoll: Diese militärische Gruppe in Wien nahm im Zuge des Putsches gegen Hitler im Juli 1944 vorübergehend hohe NS-Funktionäre fest ("Operation Walküre"). An der Verschwörung beteiligt war auch Robert Bernardis. Szokoll blieb unentdeckt und kooperierte dann mit 05. Im April 1945 schlug ein Aufstandsplan in Wien ("Operation Radetzky") durch Verrat fehl.

Nichtorganisierter Widerstand

Das Verbreiten von Gerüchten, Witzen und Spott über NS-Größen wurde ebenfalls verfolgt wie positive Äußerungen über die Alliierten oder NS-Gegner. Historiker sprechen aufgrund der weiten Verbreitung dieser Delikte von "kollektiver Systemopposition". Hilfe für verfolgte Juden war weit weniger verbreitet. Der Staat Israel zeichnete bisher 84 Österreicher dafür aus.

Widerstand im KZ

In den Gefängnissen und Konzentrationslagern stand die Solidarität und die Hilfe unter den Leidensgenossen im Vordergrund. Vereinzelt wurden politische Debatten geführt und Ausbrüche unterstützt. (APA)

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