Rote Nelken am braunen Stiel

20. April 2005, 17:01
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Lange hat es gedauert ehe sich der BSA seiner Geschichte gestellt hat - Ein Kommentar der anderen von Oliver Lehmann

Die Anwürfe waren nicht neu, blieben aber über Jahrzehnte folgenlos: "Was macht das B vor der SA?" und "Bund sozialistischer Anfänger" scherzten SP-Parteigenossen lange Jahre, kam die Sprache auf den 1946 gegründeten "Bund sozialistischer Akademiker". Formal unabhängig sollte diese SP-Vorfeldorganisationen die durch Ständestaat, Emigration und NS-Verfolgung stark dezimierte Intelligenz neu organisieren beziehungsweise für die Partei gewinnen, um letztlich – analog zum schwarzen CV – Funktionen im großkoalitionären Staatswesen zu besetzen.

Aufrechter Gang...

Tatsächlich aber wurde der BSA nach antifaschistischen und dementsprechend kurzen Anfängen zum Auffangbecken für Nationalsozialisten: "In der Mehrzahl der Fälle stießen wir auf den Typus des Opportunisten, der mit Hilfe des BSA seinen beruflichen Wiedereinstieg zu erreichen suchte", schreiben die Autoren – der eben pensionierte Leiter des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) Wolfgang Neugebauer und der Historiker Peter Schwarz – der im Czernin Verlag publizierten Studie "Der Wille zum aufrechten Gang".

Der NS-Arzt und mehrfache Kindermörder Heinrich Gross (BSA-Mitglied von 1951 an) mag stellvertretend für diesen "Typus" stehen. Letztlich hat die – gegen den ursprünglichen Widerstand des BSA durchgeführte – öffentliche Aufarbeitung des Falls Gross (hier sei vor allem auf die umfänglichen Publikationen von Werner Vogt hingewiesen) zur Beauftragung der Studie im Jahr 2001 geführt.

Bis es soweit kam, vergingen zwei Jahrzehnte: Während die SPÖ Gross 1981 ausschloss, trennte sich der BSA erst sieben Jahre später von ihm. Die Verweigerung dieser Konfrontation mit der eigenen Geschichte dokumentiert, wie nachhaltig der BSA vom Klima der Leugnung und Ignoranz geprägt war. Das Wort vom "Opportunisten" mag für viele BS-Akademiker nach 1946 gelten. Doch wie Neugebauer und Schwarz in einer Porträtserie belegen, agierten einige der prominentesten BSA-Mitglieder vor 1945 als besonders überzeugte Nationalsozialisten.

Heinrich Kunnert zum Beispiel – 1967 als Hofrat der burgenländischen Landesregierung pensioniert – ließ als Leiter des Sicherheitsdiensts der SS in Eisenstadt Widerstandskämpfer exekutieren; der legendäre VOEST-Generaldirektor Herbert Koller machte vor 1945 Karriere im Reichssicherheitshauptamt, der zentralen Schaltstelle des NS-Terrors; der langjährige Vizebürgermeister von Innsbruck, Ferdinand Obenfeldner war als SS-Mann in der Personalabteilung der Gestapoleitstelle Innsbruck tätig. Als Obenfeldner, von 1951 an Direktor der Gebietskrankenkasse, 1955 wegen der Beteiligung an der Ermordung von Zwangsarbeitern angeklagt wurde, schlossen Partei und BSA nicht den Nazi, sondern den Kläger aus.

Gerade das letzte Beispiel belegt zwei Erkenntnisse. Erstens: In den allermeisten Fällen war die NS-Vergangenheit der BSA-Mitglieder bekannt – und in Zeiten des Kalten Kriegs und der Amnesie des Wiederaufbaus weder für Gesellschaft noch Partei ein Problem. (Bei ihren Recherchen stießen die Autoren aber auch auf ein Mitglied, dem es gelang, seine SS-Vergangenheit völlig zu verschleiern. Der SS- Mann und Arzt Kurt Zeman erhielt 1988 die "Goldene Ehrennadel" des BSA verliehen. Als Amtsarzt der Stadt Wien war Zeman mit der Erstellung von Gutachten in Opferfürsorgefällen beauftragt: "Zemans Ablehnungsrate lag deutlich höher als jene von anderen Gutachtern im vergleichbaren Zeitraum").

Zweitens: Gerade in den VP- dominierten Bundesländern waren die Hemmschwellen der personell ohnehin nur schmächtig ausgestatteten SPÖ gegenüber Ex-Nazis besonders niedrig.

... mit Hindernissen

Trotz der an sich intensiven Recherche können die Autoren wegen der regionalen Organisationsstruktur keine letztgültigen Zahlen der Ex- Nazis im BSA vorlegen. Mangels zentraler Kartei verblieben die Personalakten in den Bundesländern, die sehr unterschiedlich damit umgingen: Der Salzburger BSA war 2001 die erste Landesorganisation, die ihre Archive öffnete und sich einem Historikerbericht stellte. Der BSA Oberösterreich hingegen entsorgte ein Gutteil seiner Akten 1984. Auch in Wien ging jede Menge verloren.

Wie sich aber die Präsenz von ehemaligen Nazis im BSA auswirkte, lässt sich aus der Politik des BSA rekonstruieren. Der Ausschluss des Vorsitzenden der Wiener BSA- Ärzteschaft, Franz Poddany, und die Maßregelung vieler seiner Vorstandsmitglieder wegen ihrer ablehnenden Haltung zur Aufstellung des Bundesheers 1955 "bedeutete die Disziplinierung und Entmachtung des linken antifaschistischen Flügels".

Wenn der heutige BSA-Vorsitzende Caspar Einem im Vorwort schreibt "Natürlich steht da wieder die Frage im Raum, ob nicht endlich Schluss sein könnte mit diesen Fragen", wird deutlich, wie mühsam es gewesen sein muss, diese Recherchen innerhalb des BSA überhaupt zuzulassen.

Diese bemerkenswerte Studie garantiert dem BSA zwar keine Perspektive als relevante Organisation mit intellektueller Kapazität; sie ist aber selbstverständliche Voraussetzung dafür.

Es bleibt – wie bei den allermeisten öffentlich-rechtlichen Organisationen des Landes – die Verblüffung, wie lange es gedauert hat, bis sich in diesem Fall der BSA seiner Geschichte gestellt hat. Anfang Februar erscheint der Bericht über die braunen Flecken der Bundespartei. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2005)

Zur Person

Oliver Lehmann ist Chefredakteur des "Universum"-Magazins und Koautor des Buchs "In den Fängen des Dr. Gross. Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel" (Czernin Verlag, 2001)

  • Artikelbild
    karikatur: jean veenenbos
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