Zweckehe mit wenig Glücksgefühl

9. Jänner 2005, 18:22
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Zehn Jahre nach dem Beitritt: Bei allem Schimpfen ist für die Österreicher die Mitglied­schaft selbst­verständlich geworden

Nach zehn Jahren in der Europäischen Union ist für die Österreicher die Mitgliedschaft zu einer Selbstverständlichkeit geworden – man schimpft gerne auf "Brüssel", weiß aber auch, dass es keine ernsthafte Alternative gibt.

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Am Beginn stand ein Jubel, in dem sich selbst der ÖVP-Chef dazu hinreißen ließ, in die "Internationale" einzustimmen: Die Zweidrittelmehrheit, mit der sich die Österreicher im Jahr 1994 für den Beitritt zur EU ausgesprochen haben, begründete ein überschwängliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Viel ist davon nicht übrig geblieben: In kaum einem Land wird so viel über die Europäische Union genörgelt wie in Österreich. Nur in Großbritannien ist das Vertrauen in die Brüsseler EU- Kommission geringer als in Österreich. Sagt die regelmäßig EU-weit durchgeführte Umfrage "Eurobarometer".

Gerhard Bauer von der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik widerspricht im Gespräch mit dem STANDARD: "Wir stellen immer wieder die Frage, ob die Österreicher aus der EU wieder austreten wollten, das Ergebnis von 1994 also wieder umdrehen wollen. Und da hat es nie ein Ergebnis gegeben, in dem es einen höheren Anteil gegen die Mitgliedschaft gegeben hätte als bei der eigentlichen Abstimmung 1994."

Der Sozialwissenschafter Heinz Kienzl vergleicht die Haltung der Österreicher zur EU mit der Stimmung in einer Ehe: "Da kann's schon vorkommen, dass man nicht recht glücklich ist, dass man am Partner herumraunzt. Wenn man dann aber fragt: ,Lasst du dich scheiden?‘ dann kommt die Antwort: ,Na das natürlich nicht!‘"

Dass die Österreicher mit grantiger Selbstverständlichkeit und nicht mit Begeisterung zur EU stehen, habe nicht nur mit einer skeptischen Grundstimmung zu tun, meint Werner Beutelmeyer vom Linzer market-Institut: "In der EU-Politik hat immer das After-Sales-Service gefehlt – man hat die Leute vor der EU-Abstimmung und vor der Euroeinführung zwar mit Informationen überschüttet, nach den Ereignissen aber nicht weitergemacht."

So seien die Pessimisten mehr gehört worden und der Euro im Bewusstsein der Österreicher "Teuro" geworden.

Ereignisse wie die EU-Präsidentschaft 1998, aber auch die mehrheitlich als ungerechtfertigt empfundenen EU-Reaktionen auf Schwarz-Blau 2000 hätten die Grundhaltung der Österreicher zur EU nicht wesentlich beeinflusst. Diese sei nämlich insgesamt sehr positiv, stimmen Beutelmeyer und Bauer überein.

So haben die Österreicher – bei allem Hochhalten der Neutralität – eine positive Grundhaltung zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik; inklusive der erst im November 2004 fixierten Teilnahme an EU-Streitkräften, so genannten Battle-Groups.

Bauer: "Schlagzeilen wie der ,Kampf um die Marmelade‘ verursachen zwar Aufregung – aber insgesamt weiß man, dass es innerhalb einer Gemeinschaft besser ist als außerhalb." (DER STANDARD, Printausgabe, 4.1.2005)

Von Conrad Seidl
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    Die EU-Fahne vor dem Hauptquartier der Europäischen Union in Brüssel.

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