Keine Lust auf den Radetzkymarsch

1. Jänner 2005, 14:33
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Lorin Maazel, Dirigent des Neujahrskonzertes, über abgesagte Scherze, Walzerschwierigkeiten und seine Orwell-Oper

Wien - Auf eine letztlich belanglose, vernachlässigbare Weise, aber zweifellos doch, haben die Flutkatastrophe und ihre Folgen nun auch die Wiener Philharmoniker erreicht. Im Bewusstsein, dass ein beschwipst-fröhlicher musikalischer Gruß ans neue Jahr, der heuer in 46 Länder übertragen wird (erstmals auch nach Indonesien ...), unangebracht wäre, hat man den im Musikverein meist Bierzeltstimmung verbreitenden Radetzkymarsch aus dem Programm genommen. Und auch sonst einiges weggeräumt.

Beschlossen haben die Veränderungen wohl Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg und Lorin Maazel, der heuer insgesamt zum elften Mal den ersten Vormittag eines neuen Jahres dirigierend verbringt und damit quasi ein philharmonisches Geschenk zu seinem nahenden 75. Geburtstag in Empfang nimmt.

"Das Programm bleibt ansonsten unverändert", meint Maazel. "Aber wir haben entschieden, dass wir natürlich alle Scherze vermeiden, die es normalerweise gibt. Wenn es in der Musik um Jagd geht, wird kein Vogel abgeschossen - solche dummen Sachen kann man sich dann und wann erlauben. Aber nicht in der jetzigen Stimmung."

Hellsberg wird beim Konzert auch einen Scheck in sechsstelliger Höhe übergeben. "Ich schließe mich dem an, und denke, dass es schon einen Grund gibt, das Konzert zu machen. Meiner Meinung nach ist das jetzt noch wichtiger. Es geht darum, in solchen Momenten Trost zu spenden und Energie zu geben. Die Geschichte der Menschheit ist eine traurige, voller Katastrophen. Man denke nur an die Pest, die im Mittelalter in Venedig gewütet hat. Es waren fast keine Menschen mehr da - 98 Prozent waren gestorben."

Eine nüchterne Rede

Natürlich wird Maazel auch seine Rede umschreiben: "Sie wird nicht politisch, nicht tragisch sein - eher nüchtern. Sie soll etwas mit Hoffnung zu tun haben. Ob sie auch in dem Sinne wirken wird, das weiß natürlich keiner. Über 130.000 Tote - das ist an sich unfassbar. Und offenbar hätte man die Katastrophe bei dem Stand der Technik, den wir mittlerweile haben, sogar vermeiden können."

Prinzipiell sieht Maazel Künstler in der Rolle der Optimisten. "Dieses 'Es wird weitergehen' ist ihnen irgendwie immanent. Manchmal wissen sie auch nicht, warum. Das kann ich auch aus meiner kleinen Welt als Komponist berichten. Manchmal bin ich so müde und denke, ich kann das nicht, ich kann nicht weitermachen, oft schlafe ich über dem Notenblatt ein. Nach zehn Minuten mache ich die Augen wieder auf, etwas kaltes Wasser ins Gesicht, und ich komponiere weiter. Warum? Ich muss einfach."

Dieses komponierende Weitermachen hat auch dazu geführt, dass Maazel seine Dirigentenverpflichtungen etwas zurückgeschraubt hat. Der Mann, der einst als dirigierendes, geigendes Wunderkind auch einen Arturo Toscanini in Erstaunen versetzt und vor einigen Jahren an einem Tag gar alle Beethoven-Symphonien dirigiert hat, ist Chef des New York Philharmonic Orchestra und Mentor des italienischen Toscanini Orchesters, mit dem er unlängst auch in Jerusalem und Betlehem gastiert hat. Ansonsten will er endlich seine Oper, basierend auf George Orwells 1984 fertig stellen.

Ein paar Minuten

"Ich denke eigentlich Tag und Nacht an nichts anderes. Das Werk ist an sich fertig, es fehlen noch ein paar Minuten - nicht am Schluss. Der ist vor einem Jahr geschrieben worden, denn ich wollte gewissermaßen wissen, wohin ich musikalisch fahre. Da hat es sehr geholfen, den Schluss schon früh zu entwerfen."

Indes, das Neujahrskonzert wollte er der Oper nicht opfern. Obwohl: Als besonders leichte Angelegenheit betrachtet er die Ideen der Familie Strauß nicht. Er, der mitunter bei Konzerten den Eindruck erweckt, als würde ihn die technische Leichtigkeit, über die er jederzeit verfügt, dazu verleiten, die jeweilige Musik etwas indifferent und nur perfekt rüberzubringen.

"Klar, ich bin nicht so nervös wie damals, 1980, als ich das zum ersten Mal gemacht habe. Ich stand da als Chef der Wiener Staatsoper, das hat die Situation dramatisiert. Nun, 25 Jahre später, bin ich doch etwas entspannter. Es ist ja so: Entweder wird man im Laufe der Jahre hysterischer oder ruhiger. Zum Glück gehöre ich eher zur zweiten Kategorie."

Aber diese Musik sei heikel: "Es ist leichter, einen Bruckner oder einen Strawinsky zu dirigieren als einen Walzer. So viele Rubati, so viele Tempoänderungen - es muss alles schweben, nur so lebt diese Musik. Und dann muss man da noch so viele Kollegen koordinieren. Das ist nicht so einfach."

Hoffentlich locker

Zudem wären da noch das Ballett und das Fernsehen, da muss auch die Koordination zwischen Musik und Bewegung stimmen: "Ich habe den Kollegen eine CD-Aufnahme von mir gegeben - der Choreograf hat dann seine Arbeit nach dieser Aufnahme absolviert. Grundsätzlich werde ich nicht anders dirigieren als früher - nur hoffentlich noch etwas lockerer."

Die Politik wird übrigens nun doch nicht Zeuge dieses Vormittags sein. Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und auch Bundespräsident Heinz Fischer haben sich entschlossen, nicht in den Musikverein zu kommen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.12.2004/ 1./2.1.2005)

Das Gespräch führte
Ljubisa Tosic


Nachlese

'Neujahrskonzert- Rennen am CD-Markt'

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    Dirigent Lorin Maazel: "Wir haben uns natürlich entschlossen, in diesem Jahr alle üblichen Scherze zu vermeiden."

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