Gefangenen-Seelsorger kritisiert "Folterstaat" Brasilien

30. Dezember 2004, 21:27
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Steirer Zgubic kritisiert Präsident Lula da Silva: Schuldendienst wichtiger als Soziales

Brasilia - Folter und reine Willkür sind in den meisten brasilianischen Gefängnissen und Polizeiwachen völlig normal. Das erklärte der Leiter der brasilianischen Gefangenen-Seelsorge, der gebürtige Steirer Günther Zgubic, in einem Gespräch mit der katholischen Nachrichtenagentur Kathpress.

Zgubic bezeichnete darin Brasilien als "Folterstaat", in dem es in einem "Meer von Missständen" nur "punktuelle Fortschritte" gebe. Insbesondere übte der Priester Kritik an der seiner Ansicht nach mangelnden Durchsetzung von Kinderrechten.

Aktionsplan nicht umgesetzt

Der brasilianische Präsident Luiz Ignacio "Lula" da Silva habe nach seinem Amtsantritt Anfang 2003 unter dem Beifall des Auslands einen Aktionsplan ausgerufen, der vorgesehen habe, die Rechte von Kindern, aber auch von jugendlichen Häftlingen zu respektieren, führte der Gefangenen-Seelsorger aus. Dieser Aktionsplan sei jedoch "überhaupt nicht umgesetzt" worden; Zgubic sprach Lula in dem Interview den Willen dazu ab.

Die Jugendhaftanstalten Rio de Janeiros glichen mittelalterlichen Verliesen, so der Geistliche und Mitbegründer des Menschenrechtsforums Sao Paulo. "Sie verfallen, sind dreckig, überfüllt. Wärter, die Insassen brutal misshandeln, werden nie bestraft."

Behörden weisen Vorwürfe zurück

Die Behörden hätten diesbezügliche Vorwürfe zurückgewiesen, tatsächlich spielten sich aber grauenvolle Szenen in den Gefängnissen ab: "Revolten der minderjährigen Häftlinge sind normal. Und dann werden Kinder, Jugendliche eben genauso niedergeschlagen, niedergeschossen wie im Krieg (...) Man züchtet somit schon die künftigen professionellen Kriminellen." Zudem werde in vielen Haftanstalten Seelsorge "nur erlaubt, wenn man nichts kritisiere; Medien und Menschenrechtsorganisationen würden nicht in die Anstalten gelassen.

Weil die Lulas Regierung "ganz folgsam" die Auslandsschulden zurückzahle, fehlten Mittel für soziale Zwecke, sagte der Grazer Priester weiter. Den Regierungen europäischer Länder warf der Austro-Brasilianer vor, Menschenrechtsverletzungen einfach nicht anzuprangern: "Ökonomische Interessen haben Vorrang, deshalb unterbleibt Kritik." Besonders schmerzte Zgubic, dass brasilianische Menschenrechtler von Europa aus immer weniger unterstützt würden. (APA)

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