"Sie sind politisch heimatlos"

27. Dezember 2004, 13:21
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Studienleiter Harald Mahrer beschreibt im STANDARD-Gespräch die Generation der unter 35-Jährigen als nüchtern, aber nicht verunsichert

Studienleiter Harald Mahrer beschreibt die Generation der unter 35-Jährigen als nüchtern, aber ganz und gar nicht verunsichert. Am wichtigsten ist ihnen Chancengerechtigkeit, erfuhr Barbara Tóth.

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Standard: Was war die Motivation, diese Studie zu machen?

Mahrer: Wir wollen einen bewussten Kontrapunkt zum Jubeljahr 2005 setzen, indem wir zeigen, wie die heute unter 35-Jährigen Österreich sehen, wenn sie selbst alt sind: also im Jahr 2050.

Standard: Was ist die Kernaussage?

Mahrer: Mich hat überrascht, was für eine unglaubliche Erdung diese Menschen haben. Nicht im Sinne von konservativen Werten und Traditionen, wie sie die Politik versteht, sondern geerdet zum Land, zur Umwelt.

Standard: Die Staatstradition Neutralität spielt keine Rolle?

Mahrer: Nein, und das ist auch nicht weiter verwunderlich, weil der Kalte Krieg für sie keine Bedeutung mehr hat. Europa ist für sie das gültige Mind- Set, und deshalb sehen sie Österreich 2050 als modernen, technologiefreundlichen, gesellschaftspolitisch liberalen Staat.

Standard: Was ist der Hauptwunsch?

Mahrer: Jener nach Chancengerechtigkeit. Es dreht sich alles um Möglichkeiten, seine Ziele zu verwirklichen. Die Frage, wie Beruf und Familie koordiniert werden können, ist für diese Generation eines der elementarsten Themen, das dringend gelöst werden muss.

Standard: Was kann die Politik davon lernen?

Mahrer: Es braucht ein Umdenken, wie Politik gemacht wird. Die junge Generation beschäftigt sich sehr mit Politik, aber nicht ideologisch, sondern praktisch. Sie will wissen: Wie wirkt sich das für mich persönlich aus? Sie wollen passende Rahmenbedingungen, aber keine Bevormundung.

Standard: Auffällig ist, wie wenig Lösungskompetenz die Befragten der Politik zu schreiben. Ist das eine politikverdrossene Generation?

Mahrer: Nein, sie ist politikerverdrossen. Alle, die Politik machen, stehen in ihren Augen für die Vergangenheit. Sie gehören zur Eltern-, fast zur Großelterngeneration. Deshalb auch der Wunsch nach einem Generationswechsel.

Standard: Welche Partei kann sie am ehesten einbinden?

Mahrer: Wenn man Politik als politischen Marktplatz versteht mit verschiedenen Ständen, dann wandern sie recht munter umher – sie sind keine Stammwähler – und sie suchen nach Ständen, die es im Angebot nicht gibt. Dann wählen sie das geringste Übel. Oftmals sind das die Grünen.

Standard: Die Generation der unter 35-Jährigen hat sich schon viele Attribute umhängen lassen müssen: Generation Golf I und II, die verunsicherte Generation – wie würden Sie sie fassen?

Mahrer: Nüchtern, und dennoch voller Sehnsüchte.

(DER STANDARD, Printausgabe, 24.12.2004)

Zur Person

Der promovierte Betriebswirt Harald Mahrer (31) leitet das METIS Zentrum für politische Studien.

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