Vergöttert und verspottet

30. Dezember 2004, 18:48
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Zurechtrücken von "Amadeus"-Klischees: die Ausstellung "Salieri auf den Spuren von Mozart" in Mailand

Rund um das Wiedereröffnungsprogramm der Mailänder Scala kann man sich im Rahmen der Ausstellung "Salieri auf den Spuren von Mozart" über das Verhältnis zweier komponierender Zeitgenossen informieren.


Die Wiedereröffnung der Mailänder Scala nach mehr als zwei Jahren Restaurierung und teilweisem Umbau war auch eine Wiederentdeckung. Nach Meinung von Dirigent Riccardo Muti eine von Antonio Salieris, dessen Oper L'Europa riconosciuta Muti dirigierte. Herbert Lachmayer, Leiter des "Da Ponte Institut Wien", gibt dem Mailänder Chefdirigenten Recht.

Milos Formans Film Amadeus hatte seinerzeit noch das Klischee vom bürokratischen Salieri im Schatten des genialen Mozart verstärkt. Jetzt käme es, so Lachmayer, nicht nur darauf an, alte Vorurteile zu brechen, sondern eine Figur wie Antonio Salieri vom ausgehenden 18.Jahrhundert zu aktualisieren. Lachmayer macht das mit einer Ausstellung, die im Mailänder Palazzo Reale läuft: Salieri sulle tracce di Mozart (Salieri auf den Spuren von Mozart).

In der eleganten Ausstellungseinrichtung von Architekten eines Kalibers wie Zaha Hadid und Patrick Schumacher stellt der Kurator das Leben des im venezianischen Legnago 1750 geborenen und in Wien 1825 verstorbenen Komponisten in Zusammenhang mit seiner Zeit. Er unterstreicht die Internationalität eines europäischen Kulturkreises zwischen Wien, Mailand und Paris. Wo Politiker über Kunst debattierten konnten, Künstler auch Wissenschafter waren und Wissenschafter noch keine zur Fachidiotie neigende Spezialisten.

Wo sich die Dekadenz des Adels mit der Schnelllebigkeit des aufstrebenden Bürgertums mischte. Der Bildungs- und Informationsdruck, unter dem die absolutistischen Höfe standen, sorgte für ein kulturelles Klima, in dem so unterschiedliche Lebensläufe wie die von Salieri oder Mozart über Staats- und Standesgrenzen hinweg möglich waren. Vor schnellen Parallelen ist immer zu warnen, doch bietet sich der Vergleich mit der Gegenwart geradezu an.

Man sieht: Gemälde, Zeichnungen, Briefe, Partituren, Architekturmodelle, Filmausschnitte, Videos, Tonaufnahmen und andere der rund 360 Exponate – sie stammen von Leihgebern wie der Wiener Albertina oder der Hamburger Kunsthalle, der Mailänder Brera oder der Bibliothek der Pariser Oper. Sie zeichnen eine faszinierende Umbruchzeit und den dramatischen Lebensweg des Antonio Salieri nach: Kompositionsstudien in Venedig und in Wien bei Gaßmann, Bekanntschaft mit dem Komponisten Gluck und Förderung durch Kaiser Joseph II., Hofkapellmeister und Leiter der Hofsängerkapelle. Erste Opern und schnelle Erfolge in Wien. Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte.

Zudem: Die Rivalität mit Mozart (die zum Gerücht führt, er habe Mozart vergiftet). Ein Star im vorrevolutionären Paris. Niedergang der Karriere. Lehrer von Komponisten, die die Zukunft prägen sollten: Beethoven und Schubert, Liszt und Meyerbeer.

Die Ausstellung arbeitet ausgehend von der Scala-Eröffnung wunderbar die unterschiedlichen Persönlichkeiten Salieris und Mozarts heraus: Der eine, der an den Hof oder eine Institution gebunden ist, der "Standards" setzt. Der andere – ganz modern als gleichsam Freiberufler eine internationale Karriere planend. Zu der Ausstellung, deren einzige Etappe Mailand bleibt, ist bei Bärenreiter ein exzellentes Katalogbuch erschienen. Es fokussiert Salieri und die europäische Musikszene auf die Orte Mailand, Wien und Paris. Die Ausstellung versteht sich aber als Station des europäischen Netzwerkes "Mozart-Wege" und zugleich als Vorlauf für ein Projekt im Mozart-Jahr 2006, für das Lachmayer und das Da Ponte Institut in der Albertina eine Mozart-Ausstellung vorbereiten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25./26.12.2004)

Henning Klüver aus Mailand

Bis 30.Jänner 2005

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    Antonio Salieri

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