Christkindln als Könige und Puppen

25. Dezember 2004, 12:41
posten

Die größte Privatsammlung von Jesuskindfiguren ist in Innsbruck zu sehen

Innsbruck - Kein Stall, kein Stroh. Die Mutter und der Zimmermann fehlen, auch der Esel und der Ochs. Die Christkindln, die uns hier begegnen, haben mit dem Kleinkind in der Krippe wenig gemein. Sie sitzen oder stehen auf Podesten, tragen Kronen und Perücken, liegen auf bestickten Polstern, manche bis zum Kopf in Seide und Samt gewickelt. Aus Holz, Terrakotta, Wachs oder Pappmaché sind sie. Viele nackt. Alle allein.

Gut 300 Jesuskinder hat die Münchnerin Hiky Mayr in 30 Jahren gesammelt und sich auf italienische Figuren des "Gesù bambino" konzentriert. An die 100 Christkindln aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sind noch einmal auf Wanderschaft. Bis Ende Jänner sind sie in der Kaiserlichen Hofburg in Innsbruck zu sehen, bevor die Sammlung Ende 2005 in einem Museum in Gardone am Gardasee Platz finden wird, wo Hiky Mayr lebt. Wann erste Christkind-Figuren entstanden sind, sei nicht gesichert, schreibt Paolo Biscottini, der Direktor des Diözesanmuseums Mailand, im Beiheft. Der Körper des Kindes hat zunächst Theologen interessiert: Anselm von Canterburry sah im 11. Jahrhundert in der Beschneidung des jüdischen Jungen ein Zeichen für dessen "volle Menschlichkeit".

Trostspender

Als Figur Verbreitung fand es ab dem 16. Jahrhundert. Es diente jungen Frauen als Aussteuer: Bei Ehefrauen sollte die Anbetung Unheil abwenden von der Mutterschaft, Klosterfrauen Trost spenden für den meist nicht erfüllten Kinderwunsch. Unter Nonnen boomte der Kult, auch weil sich Klöster (Lucca, Madrid) auf die Herstellung von Christkindln spezialisierten. In süditalienischen Familien wurde es das ganze Jahr angebetet, nicht nur zu Weihnachten.

Symbole des Leidens

An Mayrs Sammlung beeindruckt die Vielfalt. Als Christkönig (Cristo Rè) trägt das Kind eine seidene Lockenperücke mit Stoffkrone, die "Passionskinder" haben Symbole des Leidens Jesu, Dornenkrone oder Lanze, bei sich, der abgewandte Blick deutet schon den Tod an. Heiter wirkt der Totenschlaf bei den "Kindern im Paradiesgarten", die unter Rosensträuchern ruhen. Wickelkinder sind zu sehen oder bewegliche Puppen, bei denen das Religiöse in den Hintergrund tritt.

Die Christkindln wurden erst drei Wochen vor Beginn der Ausstellung von der Staatsanwaltschaft Brescia freigegeben. Der Verdacht des Diebstahls erwies sich bei 274 Figuren als haltlos. Bei 30 Jesuskindern, die aber nicht in der Hofburg zu sehen sind, wird die Herkunft noch erkundet. (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.12.2004)

Share if you care.