"Die besten Jahre": Zeitreise in Großaufnahmen

26. März 2005, 22:19
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Marco Tullio Giordana erzählt in "Die besten Jahre" eine Geschichte Italiens durch ein Familienepos

Wien – Die Filme des 54-jährigen Italieners Marco Tullio Giordana nahmen schon früher bei konkreten historischen Ereignissen oder Personen ihren Ausgang: den Ausschreitungen in einem belgischen Fußballstadion (Appuntamento a Liverpool, 1988), dem Mord am italienischen Autor und Regisseur Pier Paolo Pasolini (Pasolini, un delitto italiano, 1995) oder zuletzt der Lebensgeschichte des sizilianischen Antimafia-Aktivisten Peppino Impastato (I cento passi, 2000).

Die Geschichte seines aktuell in Österreich anlaufenden Films Die besten Jahre / La meglio gioventú (2003) beginnt in den 60er-Jahren, reicht bis in die Gegenwart und versucht nichts weniger als eine Chronik der italienischen Nachkriegsgeschichte. Ähnlich wie Edgar Reitz' monumentale Serie Heimat – deren dritte Staffel derzeit in der ARD ausgestrahlt wird – verbindet Giordana dies mit einer Familiengeschichte.

Damit ist eine subjektive Wahrnehmungsinstanz etabliert, die manch äußere Entwicklung, ganze soziale Bewegungen an die Peripherie verweist, während andere gewissermaßen im innersten Kreis ihren deutlichen Widerhall finden. Das dominierende Format ist denn auch die Großaufnahme.

Im Zentrum stehen die beiden Brüder Nicola und Matteo Carati. Einander anfänglich auch in Freundschaft verbunden, nehmen sie nach einem prägenden Erlebnis im Lauf der Jahre und Jahrzehnte unterschiedliche Entwicklungen: Während Nicola (Luigi Lo Cascio) durch Skandinavien trampt, als linker Student auf die Barrikaden geht und sich schließlich als Psychiater für Patientenrechte und die offene Psychiatrie einsetzt, geht Matteo (Alessio Boni) zunächst zur Armee, wird später Polizist und zieht sich immer mehr von Freunden und Familie zurück.

Italo-Straßenfeger

Die besten Jahre wurde 1999 ursprünglich von RAI-TV in Auftrag gegeben. Nach Aufführung bei den Filmfestspielen in Cannes 2003 wurde die Filmversion von internationalen Festivals und Verleihern ins Programm genommen und erreichte schließlich – nach einem erfolgreichen Kinostart – bei der TV-Ausstrahlung in Italien im Vorjahr nochmals ein Millionenpublikum. Und wahrscheinlich funktioniert dieser Film, der auf ein entsprechend informiertes, sich erinnerndes Publikum setzt, als Italienchronik auch am besten für seine heimischen Zuseher.

Das Modell der ungleichen Brüder und die Beschränkung auf einen Familienverband gewährleisten umgekehrt internationale Vermarktbarkeit und gehören wohl auch zu den Erfordernissen des Produktionskontexts. Vor allem in der zweiten Hälfte der insgesamt sechsstündigen Erzählung mutet die von den Caratis dargebotene Typologie der italienischen Nachkriegsgesellschaft – von der Terroristin bis zum konservativen Bankier sind wesentliche Akteure vertreten – allzu konstruiert und gezwungen an.

Trotz aller Anklänge an sentimentale Seifenopern – beim Filmfestival in Rotterdam ließ ein Sponsor nicht von ungefähr vor dem Kinosaal Papiertaschentücher verteilen und tatsächlich wird nicht zuletzt musikalisch der Druck auf die Tränendrüsen gesteigert – nutzt der Regisseur diese Vorgabe und den historischen Rahmen jedoch immer wieder für ungewöhnliche Verdichtungen, die die Formatierungen herkömmlicher TV-Dramaturgie sprengen.

Vor allem in der Inszenierung einzelner Episoden erweist sich Giordanas Talent für Timing und konzentrierte Momentaufnahmen, in denen dann doch anhand von einzelnen etwas sichtbar wird von der Befindlichkeit vieler.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.12.2004)

Von Isabella Reicher

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lamegliogioventu.com

Ab 24.12. in zwei Teilen im Wiener Filmcasino

  • Aufbruch am Strand: Luigi Lo Cascio und Alessio Boni
    foto: polyfilm

    Aufbruch am Strand: Luigi Lo Cascio und Alessio Boni

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