Es geschah am helllichten Nachmittag

23. Dezember 2004, 19:35
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Daniel Hardings Debüt bei den Wiener Philharmonikern im Musikverein

Wien - Da freute man sich wie blöd auf das Konzert: Mahler, Zehnte, in der Cooke-Rekonstruktion. Das Adagio: maßlose Sehnsucht nach Glück; Welt und All und alles umfassende Trunkenheit und Wahnsinn. Unpackbar, titanisch, irr. Und was war? Nichts, außer einem Orchester, das offensichtlich nicht wollte (die Wiener Philharmoniker), und einem Dirigenten, der sich in seiner Verzweiflung darüber zum menschlichen Windrad machte (Daniel Harding).

Schon bei der Erstpräsentation des wundervollen Fis-Dur-Themas: keine Glut, keine Wärme. Harding, der Arme, fing an zu pinseln mit einer Energie und einem weiträumigen Armschlag, als ob ihm in den nächsten anderthalb Stunden nicht das Dirigat von Mahlers Zehnter Symphonie aufgetragen worden wäre, sondern die Neugestaltung der Sixtinischen Kapelle.

Maue Steigerungen, metrische Asynchronismen, Intonationstrübungen folgten vonseiten des Orchesters. Harding, der Kleine, Fragile, Bubenhafte, schlug von Minute zu Minute noch wilder um sich, flatterte umher wie ein zum Abflug entschlossener Flamingo, der an beiden Beinen am Boden festgehalten wird. Als stoischer Festhalter fungierten die Wiener Philharmoniker: Sie widmeten sich dem optischen Intensivkontakt mit ihrem Notenmaterial und entschlossen sich zu einer Wiedergabe der von Deryck Cooke erstellten Konzertfassung von Mahlers symphonischen Torso, die mit den gestischen Anweisungen ihres dirigierenden Debütanten nur bedingt konform ging.

Was man also hörte, war weniger ein Klangbauwerk denn eine Tonbaustelle, und was man sich fragte, war: Agierte Harding so wüst, weil die Philharmoniker nicht wollten, oder wollten diese nicht, weil Harding mit seinem Bemühungen weit über jedes Ziel hinausschoss? Hatte sich der trotz der Jugend seiner Jahre doch recht routinierte, fähige Orchesterleiter mit dem komplexen Werk übernommen, oder war es während der Proben zu Missklängen im Verhältnis zwischen dem ehemaligen Rattle- und Abbado-Assistenten und den demokratischen Klangmonarchen gekommen?

Die Antworten auf diese Fragen, man sah sie im Dunkel der Vergangenheit und der Philharmonischen Musikerherzen versunken. Das ob der musikalischen Bataille diszentrierte Abonnementpublikum veranstaltete während des Konzertes sein eigenes bzw. hustete sich eines; freundlichen Trostapplaus für den Briten gab's trotzdem. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 12. 2004)

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