Peter Palitzsch 1918-2004

23. Dezember 2004, 16:21
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Vom Brecht-Meisterschüler zum Starregisseur der Stadttheater

Havelberg - Im Kreis der Bertolt-Brecht-Lieblingsschüler, wo man sich zu Ende der 40er-Jahre am DT und am Berliner Schiffbauerdamm um den verschmitzten Klassiker zu Lebzeiten ehrfürchtig versammelte und ihm mit Scharfsinnproben zu gefallen suchte, war er zunächst der Lauf- und Lieferbursche. Der Schlesier Peter Palitzsch saß ab 1948 an einem Dramaturgenschreibtisch, ehe er mit Synges Playboy of the Western World als frisch gebackener Regisseur eine Art Sensationserfolg am Berliner Ensemble feierte.

Fortan arbeitete Palitzsch mit Manfred Wekwerth zusammen. Letzterer degenerierte irgendwann zum Brecht-Museumsleiter, stand mit den SED-Stellen auf Duzfuß und nahm gewiss erleichtert zur Kenntnis, dass der mit "plebejischem Theatersinn" begabte Palitzsch die DDR im Gefolge des Mauerbaus in Richtung BRD verließ. Es waren Leitungsengagements in Stuttgart und Frankfurt/Main, die den außergewöhnlichen Rang des beinahe asketischen Theatermannes bestätigten. Gewiss kam es Palitzsch zupass, dass die darstellenden Künste im Gefolge von '68 den Status einer ideologischen Leitwährung einnahmen.

Sein Plädoyer für die Gesellschaftsveränderung kam niemals auftrumpfend, sondern eher handwerklich gemessen daher - im Gegensatz etwa zu Benno Bessons kosmopolitischen Volkstheateretüden. Auf ihn war aber auch immer "Verlass": als überzeugenden Verfechter der vordem ungeliebten Shakespeare-Königsdramen, als Uraufführungsregisseur etwa auch von Peter Turrinis Tod und Teufel an der Wiener Burg, als er den messianischen Anspruch des Autors auf die Wirklichkeit wohltuend zurückschraubte. Im Rat der zu Beginn der 90er installierten BE-"Geronten", unter anderen mit Peter Zadek und Heiner Müller, fiel der Aufklärer Palitzsch nicht mehr entscheidend auf. Er inszenierte danach noch gelegentlich in Zürich und Basel, schien dem Stadttheaterbetrieb aber schon entfremdet. Jetzt ist Peter Palitzsch 86-jährig in Havelberg (Sachsen-Anhalt) einem Lungenversagen erlegen. (poh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 12. 2004)

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