An den Säulen des Sozialkapitals bauen

19. September 2005, 15:55
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Ein erfahrener Sozialwissenschafter und ein Coach wollen die Führungskultur in heimischen Unternehmen um Achtsamkeit für den sozialen Zusammenhalt bereichern. Die Wertschöpfung daraus: Effizienzsteigerung

Sozialforscher und Coach wollen Sozialkapital mehren: Ernst Gehmacher (78) und Thomas Beck (36) haben einander gefunden. Ganz zufällig, bei einer Wanderung im Wienerwald. Nun gehen der erfahrene Sozialwissenschafter und der junge Coach auch beruflich ein Stück des Weges gemeinsam. Ihr Thema: Sozialkapital. Ernst Gehmacher weiß aus Forscher-und Beratererfahrung: "Unternehmen müssen Sinn für sozialen Zusammenhalt, für Sozialkapital, entwickeln. Jeder weiß, dass dadurch die Effizienz gesteigert wird."

Leider fehle es in den meisten Betrieben aber an der nötigen Achtsamkeit, beobachtet Thomas Beck: "Es ist unglaublich, was sich in Unternehmen an Beziehungslosigkeit, Angst und Druck abspielt."

Seine Erfahrung: "Immer mehr Unternehmen rasseln, obwohl sie theoretisch den Regeln des Marktes entsprechen, in eine Krise. Sie wissen nicht, warum die Fehlerquoten so hoch sind, immer mehr Kunden und Mitarbeiter verloren gehen."

Seine Erklärung: Die Beziehungen seien gestört. Es fehle an der Identifikation der Mitarbeiter, an der gegenseitigen Wertschätzung, an übergeordneten gemeinsamen Zielen. Für Beck ein "klarer Fehler in der Unternehmens- und Führungskultur". Die Wichtigkeit des sozialen Zusammenhalts muss, sind sich Gehmacher und Beck einig, "zuerst in der obersten Führungsebene erkannt werden". Von dort aus sollten die drei Säulen des Sozialkapitals - Beziehungen, Vertrauen, Normen - errichtet werden.

Mit Workshops und Vorträgen wollen Gehmacher und Beck nun bei Management und Belegschaft Bewusstsein für Sozialkapital schaffen. Gehmacher, den Theoretiker und Beck, den Praktiker, verbindet nicht nur das Wissen um die Wichtigkeit des Sozialkapitals und die Wanderlust. Die beiden sind sich einig: "Nur wenn Arbeit Spaß macht, bringt sie Sinn und Nutzen." Ihr Karrierenverlauf liefert den Beweis: Der Salzburger Ernst Gehmacher studierte Landwirtschaft, wechselte, als er keinen Sinn mehr im immer industrieller werdenden Landbau sah, zum Journalismus, studierte Soziologe und Psychologie, wurde zu einem der bekanntesten österreichischen Sozialwissenschafter und Politikberater. Ruhestand gibt es für Gehmacher nicht, die Freude am Job ist ihm Energiequelle.

Der Wiener Thomas Beck hat seine Berufung in der Begleitung von Unternehmensentwicklungsprozessen gefunden. Der gelernte Maschinenbauer machte Karriere in Verkauf und Marketing, gründete ein eigenes Unternehmen in der Baubranche und erkannte schließlich: "Das ist es nicht." Beck machte Ausbildungen in Coaching, Mediation, systemischen Therapiemethoden. Er entwickelte den geschützten Begriff "Return on Human Ressource Investment (ROHRI)", womit er den Wirkungsgrad der Investition in Arbeitskraft umschreibt. (Der Standard, Printausgabe 18./19.12.2004)

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