Sangeskunst eines verhinderten Geschäftsmanns

15. Dezember 2004, 23:47
posten

US-Tenor Stephen Gould ist zurzeit an der Staatsoper in Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" zu erleben

Wien - Ein ganz ein Netter: warmherzig, lebendig, unprätentiös. Dem bärtigen großen Mann mit der sonoren Sprechstimme würde man jahreszeitaktuell doch glatt den Weihnachtsmann abnehmen, tatsächlich aber wäre aus dem US-Heldentenor Stephen Gould um ein Haar ein Geschäftsmann geworden: Ende der 90er stand er vor der Entscheidung, bei einem großen US-Telekommunikationsunternehmen anzuheuern oder es mit der klassischen Sängerkarriere zu versuchen.

Gould führte sich in Versuchung und bekam beim Linzer Landestheater ein erstes Engagement. Fünf Jahre später hatte sich Gould ins Allerheiligste der ernsten Tonkunst gesungen: Im Sommer dieses Jahres gab der 42-Jährige unter der Leitung Christian Thielemanns den Tannhäuser in Bayreuth. Danke, Linz!

Überraschung beim Gespräch im Café Mozart: Der Mann aus Virginia spricht fließend Deutsch. Und erzählt gut gelaunt von seiner Kindheit in den USA: von seinem Vater, einem Pfarrer, und von seiner Mutter, einer Lehrerin. Als Achtjähriger von dieser fast wöchentlich zum Besuch von Klavierkonzerten aufgefordert, langweilte er sich dort zu Tode ("Sogar bei Horowitz!"), als 18-Jähriger fand er sich jedoch beim Besuch von Tristan und Isolde elektrisiert bis zur letzten Note - "und alle meine Freunde sind eingeschlafen!"

Da war klar: Opernsänger, das sollte es sein. Doch auf der klassischen Opernbühne wollte er nicht recht reüssieren: Mangelhafte Technik und ein falsches Stimmfach - das des lyrischen Baritons - verschleierten sein wahres Potenzial. Gould musste Geld verdienen und sang Musical: hauptsächlich Das Phantom der Oper, achtmal die Woche, sieben Jahre lang, mit zwei Wochen Urlaub im Jahr. Von insgesamt mehr als 3000 Musicaldiensten in zehn Jahren zeigt sich der Sänger leicht traumatisiert: "Unlängst hat ein Pianist in einem Restaurant Music Of The Night gespielt. Ich ging zu ihm hin, gab ihm zehn Euro und sagte: Bitte nichts von Lloyd Webber!"

Letzte Chance

Mitte der 90er-Jahre schien Goulds Sängerkarriere am Ende. Die Stimme wurde immer enger und kleiner. Ein Freund empfahl ihm den Sänger John Fiorito als Lehrer; Gould gab sich eine allerletzte Chance. "Er ließ mich nur kurz singen und brach dann ab: Hören Sie auf! Was machen Sie da? Sie haben so eine kräftige Sprechstimme und singen wie ein Mäuschen! Das ist schrecklich! - Da wusste ich: Das ist der richtige Lehrer!"

Vergangenen Sonntag feierte Gould sein Operndebüt in Wien, wo er schon seit zwei Jahren eine Eigentumswohnung besitzt. Die Rolle des Paul in Korngolds Die tote Stadt hat er zu Beginn des Jahres bereits an der Deutschen Oper Berlin gegeben.

An Christian Thielemann hat ihn vor allem die minutiöse Arbeit am Text begeistert, an Donald Runnicles schätzt er dessen Gespür für die Bedürfnisse des Sängers. War es schwierig, in eine fertige Produktion einzusteigen (Die tote Stadt hatte im Sommer in Salzburg Premiere)? "Nur drei Wochen Proben - das war ziemlich knapp. Aber ich habe hier so wundervolle Kollegen! Angela Denoke ist so intensiv und präzise - sie zieht alle auf ein höheres Niveau!"

2008 wird der freundliche Sangesmann dann länger als bisher in seiner europäischen Wahlheimatstadt verweilen können: Dann singt er an der Wiener Staatsoper den Siegfried in der Ring-Neuproduktion. "Es ist eine wundervolle Stadt. Ich liebe die Atmosphäre, die Kultur: Ich war schon 15-mal im Kunsthistorischen Museum. Ich freue mich darauf, Zeit zu haben, mir das alles richtig anzuschauen."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2004)

Von Stefan Ender

Aufführungen am 18., 21., 27. und 30. 12.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Stephen Gould

Share if you care.