Arme Viecher

30. Dezember 2004, 17:55
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Wer den Nutztieren helfen will, muss künftig genau schauen, wo herkommt, was er isst - von Conrad Seidl

Wir alle hätten unsere Frühstückseier gerne von glücklichen Hühnern - solchen mit Auslauf im Garten, einer Sandkuhle zur Pflege des Gefieders und vielleicht einem schönen Gockelhahn in der Nähe, der auf dem Misthaufen sitzt und aus Leibeskräften kräht. Den Käse bitte von einer ähnlich glücklichen Kuh, die auf einer idyllischen Alpe lebt. Und der Schweinsbraten unserer kulinarischen Fantasiewelt kommt von quietschvergnügten Schweinderln, die sich im Schlamm suhlen und ihr Lebtag nur Biokost gefuttert haben.

Ja, das ist natürlich alles möglich. Kostet allerdings auch mehr - so viel mehr, dass derartig naturnah hergestellte Lebensmittel auf dem Massenmarkt nur bescheidene Chancen haben.

Denn Huhn, Rind und Schwein lassen sich rationeller in Massentierhaltung aufziehen - da sind die armen Viecher zwar nicht glücklich, aber den Konsumenten bleibt Geld übrig, das sie für Dinge ausgeben können, die ihnen wichtiger sind als das Essen. Und auch wichtiger als der Tierschutz. Deshalb mussten das neue Tierschutzgesetz und die Verordnungen dazu ziemlich unschöne Kompromisse machen: auf der einen Seite so viel Tierschutz wie möglich - auf der anderen Seite aber genau das technisch Mögliche mit dem für die Bauern wirtschaftlich Erträglichen ausbalancieren und Ausnahmen machen.

Massentierhaltung und schmerzhafte Eingriffe gibt es weiterhin - nicht nur bei uns, sondern auch in Nachbarstaaten, von wo billig produziertes Essen auf unseren Tisch kommt. Für die meisten Tiere - auch die den Beschützerinstinkt ansprechenden Hundewelpen und Katzenjungen - bringt das Tierschutzgesetz immerhin Verbesserungen. Wer aber den Nutztieren helfen will, muss künftig genau schauen, wo herkommt, was er isst - und für tiergerechte Produktion in Österreich mehr zahlen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.12.2004)

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