"Jobsicherheit nicht mehr vorspiegeln"

24. Mai 2005, 11:46
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Der Trendforscher Matthias Horx formuliert zentrale Aufgaben und Herausforderungen von Personal­verantwortlichen

STANDARD: Sie arbeiten auf der Grundlage der Zyklenmodelle des russischen Mathematikers Nikolai Kondratieff, denen zufolge alle rund 50 Jahre eine Boomwelle ihren Höhepunkt erreicht, um dann von der nächsten abgelöst zu werden. Derzeit befinden wir uns am Ende der Informations- und Computerwelle, sagen Sie. Es folge Gen- und Biotech. Was bedeutet das auf der Ebene der Gesellschaftszyklen?
Horx: Derzeit ebbt die Wellnesswelle ab. Das sehen Sie besonders daran, dass sich schon jeder Trendopportunist draufgesetzt hat. Es beginnt die Selfnesswelle - die Menschen wollen lernen, sich selbst zu verändern. Das hat viel mit dem derzeitigen Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft zu tun.

STANDARD: Eine Ihrer zentralen Thesen ist, dass der Wind aus dem Osten weht.
Horx: Wir in Mitteleuropa leben extrem futurophob. Nur zehn Prozent glauben an eine bessere Zukunft. In Asien glauben 90 Prozent daran - und damit haben sie Recht. Dort werden in den nächsten 20 Jahren eine Milliarde Menschen in den Wohlstand aufsteigen. Das wird unsere globalen Perspektiven stark verändern.

STANDARD: Zum "Megatrend Frauen" gehört auch der Weg in eine Hochbildungsgesellschaft.
Horx: Ja, wobei Ausbildung nicht gleich Bildung ist. Hochbildung beinhaltet soziale Techniken, die Menschen befähigen, Jobs in einer sich schnell wandelnden Arbeitslandschaft zu wechseln. Männer müssen dazu auch ihre Karriereabsturzängste überwinden, wenn sie sich mehr und anders um ihre Kinder kümmern.

STANDARD: Welcher Imperativ ergibt sich daraus für Personalverantwortliche in Unternehmen?
Horx: Einige grundlegende Dinge konsequent durchziehen - etwa die Stressbekämpfung, Gesundheitspotenziale stärken. Jeder zweite US-Konzern hat mittlerweile eine Taskforce zur Verhinderung von Burnout. Dazu gehören großräumige Konzepte zur Work-Life-Balance. Und Employability - Mitarbeiter müssen als ständig Auszubildende begriffen werden.

STANDARD: Mitarbeiterbeteiligung?
Horx: Ja, die Beteiligung an der Beute ist ganz wichtig - und zwar hinunter bis zum Pförtner. Das ist dann der Lohn der Wissensökonomie.

STANDARD: Ihr Preis sind unberechenbare Karriereverläufe.
Horx: Ja, da ist die zentrale Aufgabe der Personalmanager: Ehrlichkeit. Man darf den Leuten nicht mehr vormachen, dass sie ganz sichere Jobs haben. Unternehmen müssen ihnen sagen: Wir können euch empowern.

STANDARD: Ein gigantischer Anspruch.
Horx: Ja, aber es wird ja in der Wissensökonomie auch der so genannte War for Talents immer akuter.

STANDARD: Dazu müssen Unternehmen im Übergang wohl auch Entängstigungsstrategien anbieten?
Horx: Natürlich. Das beginnt aber bei Eltern, die ihren Kindern nichts mehr vormachen sollten. Unternehmen müssen sich auch daran gewöhnen, eine Kultur des Scheiterns zu leben.

STANDARD: Noch einmal zu den Frauen: Die geringen Quoten im Topmanagement von vielleicht knapp 13 Prozent in Österreich sind bekannt. Nach den Geburten sinken die Arbeitsstunden von Frauen dramatisch. Ist Ihre Frauenthese nicht Utopie?
Horx: Ich sehe immer mehr Unternehmen, die sich fragen, ob sie sich leisten können, Frauen mit 35 nicht mehr zurückzuholen. Da tut sich viel. (Der Standard, Printausgabe 11./12.12.2004)

Das Gespräch führte Karin Bauer.

Zur Person:
Matthias Horx gründete 1996 das Zukunftsbüro. Er referierte diese Woche auf Einladung der Frau im ÖGV im Wiener Gewerbeverein.
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