Linkshänder sind die besseren Kämpfer

12. Dezember 2004, 20:11
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Französische Forscher knacken altes Rätsel der Evolution - Mehr Linkshänder bedeuten höhere Totschlagsrate

Paris - Linkshänder haben allerhand Probleme: Sie rackern sich an Dosenöffnern für Rechtshänder ab, finden nicht so ohne weiteres einen Golfschläger und können mit gewöhnlichen Gitarren nichts anfangen. Schlimmer noch: Linkshänder haben laut Statistik ein überproportiales Risiko, am Reizdarm-Syndrom oder gar an Morbus Crohn zu erkranken. Deshalb stellen sich Evolutionstheoretiker bereits seit langer Zeit die Frage, wie die Linkshänder überhaupt überleben konnten und warum sie nicht das Schicksal der Dinosaurier erlitten. Eine französische Anthropologen-Gruppe will das Geheimnis nun gelüftet haben. Sie vermuten, dass Linkshänder nur deshalb durchkamen, weil sie bessere Kämpfer sind.

Charlotte Faurie und Michel Raymond vom Institut für Evolutionswissenschaften an der südfranzösischen Universität Montpellier beugten sich über die Totschlagsstatistiken von acht traditionellen Gesellschaften, in denen Konflikte mit Messern oder Macheten ausgetragen werden. Sie verglichen dazu etwa das Ntumu-Volk aus Kamerun und die Dioula aus Burkina Faso, die Eipo aus der indonesischen Provinz Irian Jaya und die Jimi aus Papua-Neuguinea. Als Vergleich zogen sie sodann die Anzahl der Linkshänder in diesen Gesellschaften heran.

Höhere Totschlagsrate

Das Ergebnis war frappierend: Je mehr Linkshänder es in einer traditionellen Gesellschaft gibt, desto höher liegt die Totschlagsrate. Am untersten Ende lagen die Dioula mit einem Totschlag auf 100.000 Menschen im Jahr und drei Prozent Linkshändern, am obersten Ende die Yanomami in Venezuela mit 400 Totschlagsfällen auf 100.000 Menschen im Jahr und 22,6 Prozent Linkshändern.

Faurie und Raymond warnen bei der Vorstellung ihrer Studie in den "Proceedings of the Royal Society" Großbritanniens vor einer nahe liegenden Fehlinterpretation ihrer Erkenntnisse: Keinesfalls dürfe aus den Statistiken geschlossen werden, dass Linkshänder Gewalttäter seien. Zunächst sei lediglich festzuhalten, dass sich die Linkshänder über die Jahrtausende der menschlichen Entwicklung erhalten konnten, weil sie im Kampf ums Überleben einen Vorteil hatten. Rudimente dieses Vorteils sind nach den Worten der Anthropologen aus Montpellier "noch heute bei Kampfsportarten festzustellen, in denen sich die Gegner Auge in Auge gegenüberstehen, etwa beim Fechten und beim Tennis". Dagegen spiele es bei Computerspielen und in der Gymnastik keine Rolle.

Moderne Waffen wie Pistolen und Gewehre, die zur Überwindung des Nahkampfs führen, ebnen die Unterschiede zwischen Rechts- und Linkshändern ein. Daher berücksichtigten die Anthropologen für ihre Untersuchung lediglich traditionelle Gesellschaften, in denen sich Gewalttäter noch direkt gegenüber stehen. Der Vorteil der Linkshänder ist dabei ein doppelter: Einerseits haben sie gute Chancen, sich im Kampf gegen Rechtshänder durch ihre überraschenden Attacken durchzusetzen. Daraus resultiert aber ein zweiter Vorteil, der für urtümliche Gesellschaften von immenser Bedeutung war: Der obsiegende Kämpfer konnte in seiner Gruppe leicht zum Alpha-Männchen aufsteigen und damit seine Fortpflanzungschancen erhöhen. (APA)

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